„Das geheime Sanatorium“
Hrsg.: Nadine Muriel und Rainer Wüst
296 Seiten / Taschenbuch
ISBN: 9783948695323
Verlag: Lindwurm Verlag
[Werbung, da Rezensionsexemplar]

Wohin wendet sich ein Werwolf, wenn er eine Blutphobie hat? Wo lassen sich Untote bei Problemen mit ihrer neuen Daseinsform beraten? Wo nimmt man eine liebreizende Drud ernst? – Natürlich im geheimen Sanatorium! Verborgen in den Karpaten befindet sich in einem unterirdischen Labyrinth eine Psychiatrie für Fantasywesen. Doch der Alltag ist dort keineswegs nur durch Therapiesitzungen geprägt! Im geheimen Sanatorium werden Verbrechen aufgedeckt, gibt es Liebeleien und Querelen, entstehen Freundschaften zwischen den aberwitzigsten Kreaturen … 10 Autoren erzählen in 13 miteinander verknüpften Episoden von phantastischen Abenteuern zwischen Therapieraum und Salzsteinoase. Entschlüsseln Sie mit uns die verborgenen Winkel der Psyche!

Wer mich kennt weiß, dass ich Anthologien nicht chronologisch lese. Ich lese immer nach Länge der Kurzgeschichte, wobei es dabei manchmal mit der kürzesten losgeht in aufsteigender Reihenfolge oder manchmal auch mit der längsten. Es ist regelrecht zwanghaft und ich kann gar nicht sagen, warum das so ist. Es ist für mich eine total normale Art, eine Anthologie oder Kurzgeschichtensammlung zu lesen. Erst durchs Bloggen wurde mir bewusst, dass das offenbar gar nicht „die normale Art“ ist und bei dieser Anthologie funktioniert es auch leider gar nicht, denn die einzelnen Kurzgeschichten fügen sich ineinander, eingebettet in eine Rahmenhandlung.

Man könnte es jetzt natürlich als totale Ironie bezeichnen, dass ich, die zwanghaft Geschichten nach der Anzahl der Seiten liest, in einer Anthologie über psychische Erkrankungen diesem Zwang nicht folgen kann. Und ja, es hat mich ein kleines bisschen kirre gemacht. Das muss ich gestehen. Ich habe natürlich trotzdem meine Liste, welche Geschichte wieviele Seiten hat und ich werde diese Seitenzahl auch wieder auflisten, aber glaubt mir, man ist wirklich gut beraten, die Geschichten in ihrer Reihenfolge im Buch zu lesen.

Vorab möchte ich mal den Abspann erwähnen, den ich in der Tat zuerst gelesen habe. Herausgeberin Nadine Muriel schreibt darin über die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen, über gesellschaftliche Normen und über it’s okay not to be okay. Erschienen während dieser Pandemie, spricht sich auch darüber, dass viele eingeladene Autor:Innen am Schreiben einer Geschichte für diese Anthologie gescheitert sind. Lethargie, Hilflosigkeit, Existenzängste….diese neue Realität, die unsere gesellschaftlichen Normen auch verschoben haben…wir alle sind davon betroffen und ich hoffe sehr, dass alle Autor:Innen, denen es nicht vergönnt war, eine Geschichte beizutragen, dies vielleicht irgendwann einfach in einer Nachfolgeanthologie nachholen können, wenn unsere Welt etwas neunormaler geworden ist und bestimmte Dinge sich nicht mehr wie unüberwindbare hohe Mauern anfühlen. Ihr seid auf alle Fälle alle in meinen Gedanken und ich weiß, wie Ihr Euch fühlt.

Das Hauptaugenmerk der beiden Herausgeber:Innen lag hierbei darauf, dass die Geschichten sehr einfühlsam mit dem Thema psychische Erkrankungen umgehen und nach Lektüre des Buches muss ich sagen, dass es jede:r einzelnem:er gelungen ist. Danke dafür.

Reality Soap (Nadine Muriel – 11 Seiten)

Der Titel „Reality Soap“ taucht in der Anthologie insgesamt vier mal auf und ist die Rahmenhandlung für die Geschichten aus dem geheimen Sanatorium. Hexe Gina und ihre beiden Mitbewohnerinnen Amalia und Jasmin bereiten sich auf den langersehnten Abend, die große Sanatoriumsnacht, vor. Im Fernsehen der übernatürlichen Wesen wird „Das Geheime Sanatorium“ als eine Art Reality TV-Show gehandelt und die drei Hexen sind riesige Fans. Dabei ist die heimelige Atmosphäre, die enge Freundschaft der drei und das ganze Drumherum so einladend, dass ich am liebsten selbst mit dabei gewesen wäre, auch wenn Reality TV und Iced Cappuccino Amaretto so gar nicht mein Ding sind. Die ganze Nacht laufen neue Folgen der Show und darin versteckt sind Fragen, aus deren Lösungswörtern man einen Buchstaben finden muss, um mit dem Lösungswort am Gewinnspiel teilzunehmen, bei dem ein großer Backstage-Tag der Hauptpreis ist. Natürlich wollen die 3 Hexenfreundinnen gewinnen.

Grispa (Günter Wirtz – 13 Seiten)

„Grispa“ ist die erste Episode der Show und die erste Kurzgeschichte, die im geheimen Sanatorium spielt. Grispa ist allerdings auch der Name, der Protagonistin. Drud Grispa (für alle, die nicht wissen, was eine Drud ist: sie heißen auch Drude, sind weibliche Albs oder auch Nachtmahre, die sich nachts auf die Brust ihrer schlafenden Opfer setzen. Sie verwandeln sich in alles, wovor ihr Opfer sich am meisten fürchtet) ist die Nichte der Drud Hapyra. Im Gegensatz zu Hapyra ist Grispa allerdings weder abschreckend noch möchte sie Menschen abschrecken. Im Gegenteil, sie verwandelt sich für ihr Gegenüber in alles, was das Gegenüber am meisten mag. Ihre Drud-Familie bezeichnen sie als eine Schande für sie und wollen, dass Dr. Emil Bolze sie zu einer echten Drud macht. Doch Grispa mag das nicht sein. Ihre Andersartigkeit und die erfahrene Ablehnung durch ihr soziales Umfeld haben sie sogar schon zu einem Suizidversuch getrieben. Es ist klar, dass Dr. Bolze helfen muss, nur nicht so, wie sich das Grispas Familie wünscht. Es ist eine schöne Kurzgeschichte über das Anderssein und die Akzeptanz des eigenen Andersseins.

Ein Bild von einem Mann (Nele Sickel – 13 Seiten)

In dieser Geschichte folgen wir der Wunschfee Colette, die an Burnout leidet und deswegen nicht mehr zaubern kann. Sie fühlt sich kraftlos und will eigentlich nur noch schlafen. Sie trifft auf den selbstverliebten Vampir Licas von Bran und das paranoide Irrlicht Wallace, Licas will unbedingt sein Spiegelbild sehen und wünscht sich dieses von Colette, die es aber einfach nicht mehr zustande bringt. Heimliche Hilfe erfährt sie allerdings von Hexe Heidrun, die an selektivem Mutismus leidet. Was mir an der Geschichte so gefallen hat war diese unerwartete Unterstützung durch eine andere Person, die eigentlich selbst ein großes Packerl zu tragen hat. Licas, der vor lauter Selbstverliebtheit gar nicht mitbekam, was sein Wunsch anrichtete und Colette, die das erste Mal verstand, was ihr Therapeut ihr geraten hatte.

Der Fall Ernesto Tortuga – Maître und Kosmonaut (von Günther Kienle – 17 Seiten)

Diese Kurzgeschichte hat mich selbst etwas ratlos zurückgelassen. Es geht um einen Serienmörder Ernesto Tortuga, der Maître genannt und um einen Patienten, der für ihn gehalten wird, aber eigentlich ein Zeitreisender Kosmonaut ist, der nur durch Zufall im Sanatorium gelandet ist.

Hämatophobie (Michael Schmidt – 9 Seiten)

Werwolf Robert hat panische Angst vor Blut. Das hindert ihn natürlich daran, seinen Hunger zu stillen. Aber Dr. Bolze kann ihm helfen, diese Angst zu überwinden. Nur die Suche nach einer passenden Partnerin, die ihm gleichberechtigt zur Seite steht, kann ihn auch in Zukunft vor der Rückkehr dieser Angst bewahren.

Reality Soap (Nadine Muriel & Effi Clifford Eweka – 7 Seiten)

In einer Werbepause stehen plötzlich die beiden Zombies Jolanthe und Beatrice aus dem Stockwerk unter den 3 Hexen vor der Tür. Sofort schalten die 3 Freundinnen den Ton aus und verhalten sich mucksmäuschenstill. Die Werbepause ist nicht lang genug und sie wollen auf keinen Fall etwas von der Show verpassen. Als auch nach mehrmaligem Klopfen keiner die Tür öffnet, gehen die beiden Zombies wieder, aber da hat die Show natürlich schon längst angefangen und die 3 Hexen, besonders Gina, sind komplett aufgelöst, weil sie die ersten Szenen ohne Ton schauen mussten.

Eine Geheimnisvolle Patientin (Effi Clifford Eweka – 13 Seiten)

Eine geheimisvolle neue Patientin weckt die Neugier der beiden Heinzelfrauen Hanne und Lotte und schnell wird klar, dass es sich bei ihr um eine Nachthexe handelt, die es auf jemanden im Sanatorium abgesehen hat. Natürlich können das die beiden Pflegerinnen nicht einfach hinnehmen und der Kampf beginnt.

Femme Fatale (Michael Schmidt – 19 Seiten)

Thea ist tagsüber ein Geist und nur nachts eine körperliche Frau. Dieses Hin- und Her geht ihr ziemlich auf den Zeiger. Am liebsten möchte sie sich der Lust und dem Leben hingeben, auch tagsüber, aber wie kann man ihr bloß helfen? Zwischen ihren Therapien trifft sie auf die anderen Patienten, verführt Heinzelfrau Hanne und verliebt sich in Robert, den Werwolf. Als endlich die Blockade gelöst wird, die sie davon abhält, in der diesseitigen Welt zu bleiben oder ins Jenseits überzutreten, wird sich entscheiden, wird sich in ihrer letzten Nacht entscheiden, ob sie nun übertritt oder als Frau in unserer Welt bleibt. Kleiner Hint: Roberts Lösung für ein psychisches Problem wird sich damit jedenfalls auch für immer lösen.

In der Haut des Todes (Amandara M. Schulzke – 15 Seiten)

Der Tod hatte schon immer viel zu tun, aber seit Corona schiebt er quasi zwangsweise Überstunden und er ist am Ende seiner Kräfte. Pausen kennt er nicht. Hobbies kennt er nicht. Es war schon immer so und er denkt, er hat keine Wahl. Völlig ausgebrannt landet er im Sanatorium. Eine schöne Geschichte darüber, dass man immer eine Wahl hat, auch wenn das einem manchmal einfach nicht bewusst ist.

Entemapente (Andreas Flögel – 17 Seiten)

Heinzelfrau Gabi hat ein Problem. Sie hat einen Fehler gemacht, der sie den Job kosten könnte. Zum Glück gibt es den neuen Patienten Karl Seggers, Mitarbeiter der APA – Agency for Prenatural Affairs. Er kann ihr doch bestimmt helfen. Problem ist nur, dass Karl verflucht wurde. Alles, was er anfasst, misslingt ihm und er ist vom Pech verfolgt. Laut Dr. Emil Bolze rein psychosomatisch, aber es wäre ja gelacht, wenn Heinzelfrau Gabi nicht einen passenden Heinzelvolkzauber parat hätte, der Karl hilft. Eine total liebe Geschichte über Glauben, Wahrheit und manches Mal ein kleines bisschen Flunkern, um anderen zu helfen.

Der Trickser (Günter Wirtz – 17 Seiten)

Carl Cral schleicht sich ins Sanatorium ein. Angeblich ist er ein Rabenmetamorph, der unter Depressionen leidet. Aber er hat es auf Phoenix Amara abgesehen, denn das Ei eines Phoenix soll unsterblich machen und Carl kennt da jemanden, der dafür jeden Preis zahlen würde. Amara will dem ewigen Kreislauf aus Sterben und Wiedergeborenwerden entkommen. Und Carl schafft es natürlich, Amaras Vertrauen zu gewinnen. Nur hat er leider so gar nicht mit Dr. Emil Bolzes scharfem Verstand und dem Zusammenhalt der Sanatoriumsbelegschaft gerechnet. Eine sehr kurzweilige Geschichte mit einem tollen Twist am Ende.

Der Tote in der Salzsteingrotte (Laurence Horn – 17 Seiten)

In der Salzsteingrotte finden Einhorn Norbert, Zentaur Martin, Elb Harry, Fee Fabricia und Zwergdrache Bruce eine Leiche. Schnell sehen sie sich als große Ermittler und wollen den Fall aufklären, doch ihre eigenen Problemchen stehen ihnen dabei im Weg. Sei es nun Harrys Alkoholismus, Fabricias Scherbenphobie oder Martins Agressionen. Dabei ist der Fall ganz anders gelagert, als man meinen möchte. Zur Aufklärung tragen dann Dschinn Fyad und Oktopus Oliver bei.

Reality Soap (Rainer Wüst und Nadine Muriel – 3 Seiten)

Wieder eine Werbepause und unsere 3 Hexenfreundinnen sind mittlerweile ein kleines bisschen beschwippst.

Post Mortem (Thomas Heidemann – 21 Seiten)

Irina Paschkowa ist Gästin im Spa, dem Luxushotel, das über dem Sanatorium gebaut ist. Irina ist reich und alt und hat ihr Leben lang alles getan, um das Altern so lang als möglich hinauszuzögern. Ihre Ärztin Dr. Prasad kennt zwar Emil Bolze aber weiß nichts vom Sanatorium. Wie auch, ist ja auch geheim. Als aber nun Irina Paschkowa trotz bester Gesundheit tot im Bett aufgefunden wird, wendet sich Dr. Prasad an Emil Bolze. Dieser ist natürlich direkt zur Stelle und erklärt die Dame für tot. Nur bleibt sie nicht tot. Und das überrascht nicht nur Dr. Prasad sondern auch Irina selbst. Eine schöne Geschichte über das Altern und das Loslassen können.

Die traurige Vampirin (Asmodina Tear – 15 Seiten)

Isabella ist unfreiwillige Vampirin und ihr Meister will sie zwingen, endlich Menschenblut zu trinken, weil sie sich weigert. Dr. Bolze soll helfen aber auch hier ist die Hilfe des Sanatoriumsteams anderer Natur als ihr Meister es gewünscht hatte.

Humphrey (Thomas Heidemann – 17 Seiten)

Neupatient Bernhard Bützeberg sucht Hilfe im Sanatorium und Schutz vor Humphrey, der ihn verfolgt und fressen will. Nur dass Humphrey nicht der ist, für den Bernhard ihn hält. Mit Hilfe des Werpudels Colin kommt Emil Bolze dem Geheimnis auf die Spur und findet eine schöne Lösung für Humphrey und seine suggestiven Kräfte.

Reality Soap (Rainer Wüst und Nadine Muriel – 7 Seiten)

Die lange Sanatoriumsnacht findet ein abruptes Ende, als die Dämonen nebenan den drei Freundinnen das Internet kappen. Sie durften nämlich das Wlan kostenlos mitnutzen. Nun aber waren sie zu laut gewesen und das war die Konsequenz. Und jetzt erklärt sich auch, wer diese drei Hexen sind und wo sie leben. Und dass es gar nicht so schlimm ist, dass sie jetzt die restlichen Fragen verpassen und somit das Lösungswort nie finden werden, um am Gewinnspiel teilzunehmen.


Damit endet die Anthologie um das geheime Sanatorium. Alle Geschichten haben ihren ganz eigenen Charme und die Figuren sind wahnsinnig liebenswert. Bei manchen Geschichten hatte ich durchaus den Eindruck, dass es sehr auf den Gemütszustand ankommt, wenn man sie liest. Ein Buch, dass ich sicherlich immer wieder mal zum Schmökern zwischendurch in die Hand nehmen werde. Besonders die drei Hexenfreundinnen haben es mir angetan und ich könnte mir vorstellen, dass es hier eine weitere Anthologie geben könnte, die den Geschichten von Gina, Amalia und Jasmin folgen.

Die Anthologie „Das geheime Sanatorium“ hat mir wahnsinnig gut gefallen und wer nach meiner Rezension jetzt auf den Geschmack gekommen ist, sollte vielleicht um Halloween herum….oder auch an Halloween mein Blog im Auge behalten. Vielleicht hab ich da etwas für Euch.



Anmerkung: Da es sich bei diesem Buch um ein zur Verfügung gestelltes Rezensionsexemplar handelt, muss ich diesen Beitrag als Werbung kennzeichnen. Ich möchte allerdings versichern, dass die verfasste Rezension meine ehrliche Meinung wiedergibt und nicht von der Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst wurde. Denn ganz ehrlich, Rezensionen hätten keinen Sinn, wenn sie nicht ehrlich wären. Ich bedanke mich beim Lindwurm Verlag für das Rezensionsexemplar.

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