„Anarchie Deco“
Autor:Innen: J. C. Vogt (Judith und Christian Vogt)
480 Seiten / Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-00221-4
Verlag: Fischer TOR
[Werbung, da Rezensionsexemplar]

Das Leben im Berlin der Zwanzigerjahre gleicht einem Tanz auf dem Vulkan. Zumal sich die Magie auf der Straße und im Nachtleben breitmacht. Eine Frau verschwindet und taucht wenig später als Steinstatue wieder auf. Nazis machen mit einem aus dem Nichts beschworenen Adler Jagd auf politische Gegner, und selbst das Varieté fügt den ohnehin schon abgefahrenen Nummern ein paar übernatürliche hinzu. Sogar der Reichstag berät über die Möglichkeit einer Wiederbewaffnung mit magischen Mitteln.
Die junge Physikerin Nike Wehner arbeitet nicht nur wissenschaftlich daran, das neue Phänomen zu verstehen, sondern hilft auch der Berliner Polizei bei der Aufklärung magischer Verbrechen. Zur Seite stehen ihr der Bildhauer Sandor Černý und der kurz vor der Pension stehende Kommissar Seidel. Zusammen bilden sie die erste Spezialeinheit einer neuen Magiepolizei

Was für ein tolles Cover dieses Buch doch hat. Der Klappentext machte auch neugierig und als Judith mich fragte, ob ich gern ein Leseexemplar haben möchte, konnte ich einfach nicht nein sagen. Als ich es dann auch tatsächlich in den Händen hielt, musste ich dann auch erstmal ausgiebig das Cover bewundern, denn in echt ist es noch viel schöner und macht extrem was her.

Um es vorab zu sagen, von allen Vögtewerken, die ich kenne, ist es echt das beste! Es ist einfach rundum richtig gut. Die Atmosphäre der 20er Jahre wurde so gut vermittelt, dass ich das Gefühl hatte, mitten drin zu sein. Verrückterweise spielte sich mein Kopfkino immer in schwarz-weiß ab, vielleicht noch in ein paar Sepiatönen. Es war richtig toll.

Es wird die Magie entdeckt, von einer Physikerin. Klingt wie ein Oxymoron, nicht wahr? Dabei ist der Ansatz wahnsinnig spannend. Magie können immer zwei Personen wirken, immer Mann und Frau. Immer Wissenschaftler:in und Künstler:in zusammen. Dass die beiden Vögte hier so eine Dualität etablieren, kann nur pure Absicht sein. Und es war eine Freude der Zerschlagung dieses binären Systems durch die Seiten zu folgen.

Aber kurz zum Inhalt: Physikern Nike Wehner zeigt in einem Versuchsaufbau zusammen mit einem Künstler, dass es die Magie gibt. Natürlich nennt es keiner Magie, das bleibt dann schon den Zeitungen in der Geschichte überlassen. Trotzdem zieht sowas seine Kreise und immer mehr merkwürdige Vorfälle in Berlin deuten darauf hin, dass diese Magie nicht mehr nur in den Universitäten untersucht wird.

Nike arbeitete als wissenschaftliche Beraterin mit der Polizei zusammen, in diesem Fall ziemlich eng mit Christoph Seidel, einem alten Polizeibeamten kurz vorm Ruhestand, dessen Büro (und natürlich auch seine eigenen vier Wände daheim) mit allerlei Häkeldeckchen verziert ist. Ein Mann mit einem Faible für Häkelsachen? Yes, please. Er war mir jedenfalls direkt sympathisch, was man von Nike nicht behaupten kann. Überhaupt ist mir die Protagonistin bis zum Ende nicht ans Herz gewachsen. Woran das lag kann ich aber gar nicht so genau sagen. Sie ist definitiv eine sehr vielschichtige Figur, die sich im Rahmen der Handlung auch so langsam aus ihrem Schneckenhaus herauswagt. Hilfe bekommt sie dabei von Georgette, die tagsüber als Psychologe Georg Kalinin lebt und nur nachts im bunten Treiben auf den Straßen sich selbst leben kann. Georgette war meine liebste Figur. Ich fand sie einfach nur spannend und ich schreibe zwar „sie“ aber ehrlich weiß ich gar nicht, ob sie nun biologisch Mann oder Frau ist. Aber, eigentlich ist das auch ziemlich egal. Georgette ist toll.

Bildhauer Sandor Černý ist Tscheche und wird Nike als Partner zur Seite gestellt, um beiden Ermittlungen zu helfen. Ihn fand ich als Figur ziemlich spannend. Anarchist, und nach einigen Vorfällen in Prag von der Uni nach Berlin abgeschoben, bis sich die Wogen geglättet haben, geht es dort direkt nahtlos weiter mit der Anarchie, wenn auch von seiner Seite eher widerwillig. Auf mich machte er den Eindruck, als wäre er beim Anarchismus nur etwas halbherzig dabei. Jedenfalls kein Anführertyp, auch wenn sich das im Laufe der Geschichte noch etwas ändern wird.

Zusammen gehen Nike und Sandor den mysteriösen Vorfällen nach und schon bald finden sich einige Spuren, die in die rechte Szene führen. Dass man um das Thema Nationalsozialismus in so einem Buch nicht drum rum kommt, kann man sich ja denken. Aber auch sonst wurden die Wirren der Weimarer Republik, die Anfänge der SA, die ständig von allen Seiten geschürte Angst vor dem Kommunismus sehr gut mit in die Geschichte eingebunden. Ein kleines bisschen Geschichtsunterricht für sich.

Eingestreut finden sich dann auch noch sehr viele andere, heute immer noch brandaktuelle Themen, wieder, die das Buch insgesamt zu einem wirklich abgerundeten Leseerlebnis machen.

Ich könnte jetzt, glaube ich, noch ewig weiterschwärmen, aber das ist ja auch nicht der Sinn des ganzen. Deswegen: wenn Ihr neugierig geworden seid, lest das Buch. Mehr kann ich dazu fast nicht sagen.

Ich will nichts hypen oder verschönern, das bin ich nicht. Aber wenn mich ein Buch mal so richtig überzeugt hat, dann darf das gern jeder wissen. Als kleine Anmerkung noch zum Abschluss: Zwischen den Seiten entdeckt man so manchen sprachlichen Dialektschatz. Mein Favorit war „Nieselpriem“, ein Wort, das ich schon seit meiner Kindheit nicht mehr gehört oder gelesen hatte!

„Anarchie Deco“ von den Vögten ist meines Erachtens das bisher beste ihrer Werke. Hatte ich das erwartet? Nein, eigentlich nicht. War ich positiv überrascht? Definitiv. Judith und ich mögen manches Mal nicht gleicher Meinung sein und uns gegenseitig auf Twitter oder Instagram etwas angurken, aber sowas hat auf meine Meinung zu einem Werk Gott sei Dank keinen Einfluss. Deswegen von meiner Seite eine klare Leseempfehlung.


Anmerkung: Da es sich bei diesem Buch um ein zur Verfügung gestelltes Rezensionsexemplar handelt, muss ich diesen Beitrag als Werbung kennzeichnen. Ich möchte allerdings versichern, dass die verfasste Rezension meine ehrliche Meinung wiedergibt und nicht von der Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst wurde. Denn ganz ehrlich, Rezensionen hätten keinen Sinn, wenn sie nicht ehrlich wären. Ich bedanke mich bei Judith & Christian Vogt sowie dem Fischer TOR Verlag für das Rezensionsexemplar.

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