„Jenseits der Ewartungen“
Originaltitel: Chances are…
Autor: Richard Russo
432 Seiten / Hörbuch – 12 Std. 8 Min.
ISBN: 3832181156
Verlag: DuMont Buchverlag
Hörbuch: Audible

An einem Spätsommertag auf Martha’s Vineyard treffen sie sich wieder: Lincoln, Teddy und Mickey. Die drei Männer planen, das Wochenende in einem Ferienhaus auf der Insel zu verbringen – um der alten Zeiten willen. Seit dem Studium zu Vietnamkriegszeiten sind sie miteinander befreundet. Sie sind sehr unterschiedliche Wege gegangen, doch alle waren sie einst in dasselbe Mädchen verliebt, Jacy Calloway.

Kurz nach ihrem Abschluss verschwand Jacy spurlos. Aber keiner von ihnen hat die Freundin vergessen – oder die Frage, wen von ihnen Jacy eigentlich liebte. Schließlich beginnt Lincoln, sich erneut mit den Umständen ihres rätselhaften Verschwindens zu beschäftigen. Was ist damals wirklich passiert?

Richard Russo erzählt von drei Menschen, die sich fremd geworden sind, und vom Umgang mit der Unsicherheit, ob die eigenen Lebensentscheidungen die richtigen waren. Wie nebenbei ergibt sich daraus das Porträt eines Landes, das sich selbst nicht mehr ganz versteht.

Irgendjemand verglich Richard Russo mit Stephen King sans Horrorelemente. Auf meinem GoodReads ploppte dann eine Rezension auf, die mich spontan dazu veranlasste, mir das Buch in der Hörbuchversion zu holen. Aktuell bin ich ja immer noch nicht in der Lage, mich so richtig aufs Lesen zu konzentrieren, weswegen Hörbücher für mich ja eine geniale Alternative darstellen.

Somit begann also „Jenseits der Erwartungen“. Von Richard Russo hatte ich noch nie gehört und offenbar hatte er für ein anderes Werk sogar den Pulitzerpreis gewonnen. Kann man ja nicht viel falsch machen, dachte ich. Und ich brauchte dringend mal was anderes als Scifi, Phantastik und Co.

Ich würde der von anderen gemachten Aussage, dass man Russo mit King vergleichen könnte, zustimmen. Menschen und Gedanken kann Russo nämlich genau so gut schreiben wie King. Und damit hat man bei mir ja immer gute Chancen. Ich liebe Rückblicke aufs Leben, Alltagsbeschreibungen und die Gedankenwelt von Figuren. Russo bringt alle drei davon mit.

Eine eigentliche Handlung gibt es aber so gar nicht. Es gibt keine Action und keine große Spannung. Sicherlich verleiht Jacys Verschwinden damals dem Roman eine mystische Note, aber das war eigentlich eher unwichtig für mich.

Wir reisen zurück in die Zeit Ende der 60er, Anfang der 70. In eine Zeit des Umbruchs, der wilden Jahre und des Vietnamkriegs. Unsere drei männlichen (und weißen) Protagonisten sind mittlerweile 66 Jahre alt und blicken zurück auf ihr Leben, auf ihre Jugend am College, wo sie sich kennengelernt haben, auf die Zeit eines völlig sinnlosen Krieges, auf ihre erste Liebe, auf eine Zeit, die unbeschwert und frei war, obwohl keiner von ihnen aus unbedingt reichen Verhältnissen kam. Sie blicken zurück auf ihre Eltern, die Konflikte mit ihnen, auf Erlebnisse in ihrer Jugend, die sie bis heute geprägt haben und besonders Teddy noch stark verfolgen.

Teddy war von den drei Figuren für mich diejenige, mit der ich mich am meisten verbunden gefühlt habe. Während Lincoln seit 40 Jahren glücklich verheiratet ist mit einer Schar Kinder und einer ständig wachsenden Schar an Enkeln, steckt Teddy mitten in einer Trennung und kämpft mit seinen körperlichen wie geistigen Dämonen. Mickey ist der ewig jung gebliebene Rocker, der den Traum lebt und nie erwachsen wurde. Meint man jedenfalls.

Wir folgen diesen drei Herren durch ihr gemeinsames Wochenende, durch ihre Erinnerungen an Jacy und die Zeit von damals. Alle Kapitel werden ausschließlich aus der Sicht von Lincoln und Teddy erzählt. Ein einziges Kapitel zum Ende hin wird von Mickey erzählt, der bis dahin sehr rätselhaft bleibt und damit den oberflächlichen Eindruck des Rockers vermittelt.

Überhaupt wandelt sich das Bild, das man von diesen drei Männern hat im Laufe des Buches, nicht durch Russos Beschreibungen der Figuren, sondern wie diese Figuren agieren.

Für mich ist das ein sehr spannender Aspekt in Romanen, der mich wahnsinnig gut unterhalten kann. Ich brauche nicht unbedingt Action und Spannung. Sicherlich kann man sich am Ende des Buches fragen, was der Sinn des Ganzen ist, aber auch Lebensgeschichten können einfach so erzählt werden, ohne dass es eines Krimielements oder ähnlichem bedarf. Für mich passte das in diesem Buch alles recht gut zusammen.

Jacys Schicksal erfahren wir auch und es ist – im Vergleich zu den anfänglichen Vermutungen – eher unspektakulär, wenngleich es doch ebenfalls ein Teil des Lebens ist und einfach dazu gehört. Am Ende bleibt die Frage, wie sehr sich Menschen wirklich im Laufe ihres Lebens verändern, ob ihre Entscheidungen in der Vergangenheit für sie nicht doch immer die richtigen waren, weil sie einen am Ende doch dahingeführt haben, wo man steht.

Sicherlich kann man sich fragen, ein Buch über drei alte weiße Männer, braucht es das? Besonders in der heutigen Zeit? Man braucht es vielleicht nicht, aber wer sich für Lebensgeschichten und Menschen interessiert, wird dieses Buch sehr gern lesen – oder wie ich hören.

Gesprochen wurde das Hörbuch von Stefan Kaminski, einem Hörbuchsprecher, der mir bis dato noch nicht begegnet war. Er hat seinen Job jedenfalls sehr gut gemacht.

Richard Russos „Jenseits der Erwartungen“ ist ein Buch über das Leben, über Entscheidungen, über persönliche Weiterentwicklung und Stagnation. Jemandem, der sich von sowas fesseln lassen kann, kann ich dieses Buch klar empfehlen.


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3 Comments on “Russo, Richard – Jenseits der Erwartungen

  1. Hallo Grit,
    ne, ich glaube nicht, dass ich mich für das Buch begeistern könnte. Das scheint mir zu glatt, zu heteronormativ und geleckt. Der schlimmste Abweichler ist ein „Rocker“ geworden? Uy… welch Lebensentscheidung. Als ich deine Rezi und den Klappentext gelesen habe, fehlte mir so jeglicher Aufhänger, warum ich es lesen sollte. Ich bin mal ganz gemein und frage: Um drei alten weißen Normales beim Jammern über verpasste Chancen zuzuhören? Puy… Um mich nicht missverständlich auszudrücken: Ich brauche auch nicht unbedingt Action, Zombies oder Leichenberge. Aber hier sind mit einfach die Perspektiven zu eng.
    Liebe Gruss, Jürgen

    • Hi Jürgen, ich glaube, es ging gar nicht so sehr um Normabweichungen sondern darum, zurückzublicken und sich zu fragen, ob und wie sie es anders hätten machen können, zu überlegen, warum sie das nicht getan haben und was es für sie als Menschen jetzt bedeutet. Sowas empfinde ich persönlich immer als sehr spannend, egal welche Figur sowas erzählt. Vor allem Teddys Schicksal, dessen beziehungstechnisches Versagen in einem Unfall zu Teenagerzeiten begründet ist und der sein ganzes Leben dahingehend beeinflusst hat. Kombiniert mit schweren psychologischen Problemen und seinem Umgang damit, das hat mich schon sehr beeindruckt. Aber ja, am Ende ist es ein Buch über alte, weiße Männer. Kann man lesen, muss man nicht. Aber ich persönlich lese gern Lebensgeschichten, auch heteronormative. LG Grit

    • Nachtrag: als Jammern hätte ich die Perspektiven und Rückblicke jetzt nicht eingeordnet. Alle sind sich ihres Privilegs und ihrer Entscheidungen sehr bewusst.

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