„Inversion“
Originaltitel: Inverted World
Autor: Christopher Priest
416 Seiten / Taschenbuch
ISBN: 3453320654
Verlag: Heyne
[Werbung, da Rezensionsexemplar]

In einer Welt, deren Naturgesetze völlig anders sind als auf der Erde, werden die Städte auf Gleisen bewegt. Nur so entkommen sie der Vernichtung durch die Schwerkraft. Den Bewohnern wird dieser Umstand allerdings verschwiegen, um keine Panik entstehen zu lassen. Doch schon werden erste Proteste laut, und die Stadt wird zusehends langsamer. Und Stillstand bedeutet Tod …

„Inversion“ ist bereits 1974 erschienen und wurde gerade beim Heyne-Verlag neu rausgebracht unter Meisterwerke der Science Fiction. Nicht immer empfinde ich diese angeblichen Meisterwerke wirklich als solche, aber bei „Inversion“ kann ich das direkt so unterschreiben. Es ist ein brillantes Buch. Die Ideen und die Stadt, die Priest hier geschaffen hat, sind gigantisch. Allein die Idee einer unendlichen Welt in einem endlichen Universum … klasse.

Dabei ist das Buch selbst in 5 Teile untergliedert. Protagonist ist Helward Mann, der, als er das Alter von 650 Meilen erreicht hat, bereit ist, das Internat zu verlassen und Volontär in einer der Gilden zu werden. Umgerechnet ist er ca. 18 Jahre alt. Die Stadt legt in einem Jahr ungefähr 36,5 Meilen zurück. All das erfährt man aber wie Helward selbst immer nur peu à peu. Helward möchte in die Gilde der Zukuntsvermesser aufgenommen werden und muss einen Eid schwören, dass er – wie alle anderen Gildenmitglieder auch – dem Schweigen gegenüber den restlichen Stadtbewohnern verpflichtet ist. Um als vollwertiges Mitglied seiner Gilde zu gelten, muss Helward 3 Meilen lang Dienst in allen anderen Gilden leisten. Er beginnt bei den Schienenverlegern und betritt somit das erste Mal die Welt außerhalb der Stadt. Schnell wird klar, dass in dieser Welt nichts so ist, wie wir es kennen. Die Sonne ist keine runde Kugel sondern erscheint Helward als runde Scheibe, die oben und unten eine lange Spitze hat.

Die Tradition verlangt es von allen Gildenvolontären, dass sie sich das Wissen über die Welt und die Schlussfolgerungen über die Form und das Wesen der Welt aus ihren eigenen Erfahrungen selbst aneignen.

Bei den Schienenlegern arbeitet Helward daran, die Gleise zu verlegen, auf denen die Stadt sich vorwärts bewegt. Warum Stillstand tödlich ist, was immer wieder angedeutet wird, bleibt ihm und dem Leser nach wie vor verborgen. Zusammen mit Helward erfahren wir von den Menschen, die außerhalb der Stadt leben – von allen Bettler genannt. Menschen in kleinen Dörfern, in denen es kaum genug zum überleben gibt. Wir erfahren, wie sie für den Gleisbau angeheuert werden von Leuten der Händlergilde und wie sie neben Arbeitskraft auch ihre Frauen an die Stadt verleihen. In der Stadt nämlich gibt es ein großes Problem: es werden kaum noch Mädchen geboren. Die meisten Babys sind männlich. Die Frauen von außerhalb bandeln mit Männern in der Stadt an mit dem Ziel, weibliche Babys zu gebären. Das klappt natürlich nicht immer. Die geborenen Mädchen werden in der Stadt behalten. Die Frauen können selbst entscheiden, wenn sie die Stadt wieder verlassen, ob sie ihre geborenen Jungen mitnehmen möchten oder nicht. Hier erfahren wir auch, dass Helwards Mutter eine solche Besuchsfrau war und ihn zurückgelassen hat, als sie die Stadt wieder verließ.

Nachdem Helward in allen Gilden seinen Dienst abgeleistet hat, ist es seine erste Aufgabe als Mitglied der Zukunftsvermessergilde, drei Besuchsfrauen zurück in ihr Dorf zu geleiten, damit sie sicher ankommen. Auf dieser Reise nach Süden, in die Vergangenheit, kommen Helward und der Leser mit den Besonderheiten der Welt in Kontakt. Je weiter nach Süden Helward reist, umso merkwürdigere Dinge geschehen. Die Frauen werden immer kleiner und in die Breite gezogen, während er selbst unverändert bleibt. Schnell wird klar, dass hier Kräfte am Werk sind, die so gar nicht den mathematischen und physikalischen Gesetzen unserer Welt entsprechen. Und als Helward zurück in die Stadt kommt, sind mehrere Jahre vergangen obwohl er selbst nur ein paar Tage weg war.

Und damit beginnt sich das Bild der Stadt und der Welt zu formen. Diese Welt ist kein Rotationselipsoid wie unsere Erde sondern ein Traktrikoid. Ja, das musste ich auch erstmal googeln. Im Süden wird die Fliehkraft immer stärker, so stark, dass sie sogar die Gravitation beeinflusst. Die Stadt wird also immer weiter nach Norden bewegt, damit sie nicht mit dem sich nach Süden bewegenden Boden in den Süden rutscht. Dabei verfolgt sie immer einen Punkt, das Optimum, erreicht ihn aber nie wirklich.

Das klingt alles echt schrägt, ist aber auch total spannend. Die Art und Weise, wie sich diese Welt dem Leser und auch Helward erschließt, ist erzählerisch wirklich gut gemacht. Die Geschichte ist spannend und ja, das Buch hat eine Auflösung und ein Ende, das ich so nicht habe kommen sehen.

Aber die Idee von einer Welt, die mal keine Kugel ist, finde ich absolut gigantisch und Priest hat das hervorragend gemacht. Ich verstehe gar nicht, warum ich dieses Buch nicht schon viel früher gelesen habe.

Die Wissenschaft hinter der Geschichte ist in meinen Augen für Menschen mit entsprechenden Hintergrund interessant. Aber auch die Philosophie kommt nicht zu kurz und so werden Helward und der Leser am Ende mit dem Thema Wahrnehmung konfrontiert und der Frage, wie würden wir reagieren, wenn wir erfahren würden, dass unsere Art die Welt und unser Universum zu sehen, falsch wäre?

Christopher Priests „Inversion“ ist zu Recht ein Meisterwerk der Science Fiction. Wissenschaft und Philosophie sind hier verwoben mit der spannenden Geschichte der Stadt, ihrer Bewohner und der Welt, in der diese Stadt existiert. Klare Leseempfehlung meinerseits.

Anmerkung: Da es sich bei diesem Buch um ein zur Verfügung gestelltes Rezensionsexemplar handelt, muss ich diesen Beitrag als Werbung kennzeichnen. Ich möchte allerdings versichern, dass die verfasste Rezension meine ehrliche Meinung wiedergibt und nicht von der Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst wurde. Denn ganz ehrlich, Rezensionen hätten keinen Sinn, wenn sie nicht ehrlich wären. Ich bedanke mich beim Heyne Verlag und dem Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

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