„Shape Me“ 
Autorin: Melanie Vogltanz
236 Seiten / eBook
ISBN: 3903296236
Verlag: ohneOhren

„Mein Name ist Nena Jean. Mein Körper wurde gestohlen. Man wollte mir verbieten, meine Geschichte an die Öffentlichkeit zu tragen. Diesem Verbot widersetze ich mich hiermit.“

In einer Welt, in der Body Sharing-Technologie den Reichen und Privilegierten beim Abnehmen hilft und der Staat den Kalorienhaushalt seiner Bürger reglementiert, kämpft sich Nena Jean mehr schlecht als recht durchs Leben. Eines Tages passiert das Undenkbare: Ihr Körper wird gestohlen. Bei ihrer Jagd nach dem Dieb stellt sie fest, dass das vermeintlich perfekte System Schattenseiten birgt – und dass eine schlanke Gesellschaft nicht immer eine zufriedene Gesellschaft ist.

Stell Dir vor, Du lebst in einer Welt, in der Du mit Deinem täglichen Kalorienbedarf Lebensmittel bezahlen musst. Stell Dir vor, Dein täglicher Kalorienbedarf reicht dafür vorn und hinten nicht aus, weil Du zu dick bist und der Staat über das morgendliche Wiegen bestimmt, wieviel Du ausgeben – und somit auch was Du essen – darfst.

Stell Dir vor, dass Du, wenn Du das nötige Kleingeld dafür hast, einfach Deinen Verstand in den schlanken, durchtrainierten Körper eines Fitnesstrainers übertragen lassen kannst, der im Gegenzug dafür Deinen übergewichtigen Körper übernimmt und wieder in Form bringt. Nach der vertraglich vereinbarten Zeit bekommst Du Deinen Körper zurück, nur in fit und schlank.

„Shape Me“ von der österreichischen Autorin Melanie Vogltanz zeichnet dieses Szenario in Neueuropa. Es ist beklemmend und düster. In wechselnden Kapiteln erzählt sie die Geschichte aus Sicht von Nena Jean, die eines morgens in einem fremden Körper aufwacht, aus Sicht von Bobbie Tanscher, einer alleinerziehenden Mutter mit multipler Sklerose und aus Sicht von Fitnesstrainerin Tess Trimm, die im übergewichtigen Körper einer Kundin strandet und sich mit ihren eigenen Vorurteilen auseinandersetzen muss. Drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch vieles gemeinsam haben. Zwischen den Kapiteln finden sich Interviews und Tagebuchaufzeichnungen.

Dieses Buch trifft soviele wunde Punkte bei mir, einer Frau, die 35 Jahre gebraucht hat, eine einigermaßen gesunde Einstellung zum Essen zu entwickeln und selbst heute noch immer wieder Tage hat, wo sie kämpfen muss. Ich denke, dieses Buch wird in dieser Hinsicht sehr viele Menschen berühren. Doch Melanie Vogltanz greift in „Shape Me“ noch einige andere Themen auf.

Welche Möglichkeiten würde diese Technologie eröffnen für Menschen, die einen todkranken Körper haben oder mit einer Krankheit wie MS konfrontiert sind? Welche Verpflichtung hat eine Gesellschaft gegenüber den Menschen, die diese Gesellschaft bilden und welche Rechte darf sich diese Gesellschaft gegenüber den Menschen herausnehmen?

Das regt schon arg zum Nachdenken an. Nicht nur, dass in diesem Buch die allgemeinen Vorurteile, die Abscheu und der Hass auf stark übergewichtige Menschen konzentriert in der Figur Tess aufgezeigt werden, auch die Sicht der betreffenden Personen wird gezeigt, die sich in einer Gesellschaft bewegen müssen, in denen eine Einstellung wie die von Tess normal ist.

Tess ist für mich schon sehr überspitzt gezeichnet. Sie ist fast zu keinerlei Empathie fähig und ihre Persönlichkeit ist die eines Arschlochs vor dem Herrn. Ihre Arroganz und ihre Anmaßung, besser zu sein als andere, sind erschreckend und leider kenne ich im wahren Leben genügend Menschen, die so sind, so dass es schon wieder alles viel zu sehr an der Realität kratzt.

Bobbie ist eine sehr tragische Figur. Eine toughe Frau, die in ihrem Leben viel erkämpft hat und dann die Diagnose MS erhält. MS, das sie bei ihrer Mutter bereits mit erleben musste und ihr Schicksal, das sie ihrer eigenen Tochter ersparen möchte.

Nena schlüpft im Buch in die Rolle des Otto-Normal-Bürgers, der Opfer der Umstände wird.

Die 236 Seiten des Buches waren sehr schnell weggelesen. Der Schreibstil ist fesselnd, die Kapitel sind sehr kurz gehalten. Es gab für mich den einen oder anderen Logikfehler und manche Figuren waren etwas zu fiktiv, aber alles in allem fand ich dieses Buch sehr gut. Gesellschaftliche Fiktion rund um ein Thema, das locker 90% der Bevölkerung betrifft. Es hat mich begeistert in dem Sinne, dass es mich zum Nachdenken angeregt hat.

Im Nachwort geht die Autorin auch sehr offen mit ihren eigenen Gewichtsproblemen und ihrer Einstellung zum Thema Essen um. Das macht sie sehr sympathisch und rückt die Ereignisse im Buch und manche Szenen in einen besseren Kontext.

„Shape Me“ von Melanie Vogltanz ist herausragendes deutschsprachiges Scifi. Klare Lesempfehlung.

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