„Im Herzen des Imperiums“
Originaltitel: A Memory Called Empire
Autorin: Arkady Martine
608 Seiten / Taschenbuch
ISBN: 3453319931
Verlag: Heyne
[Werbung, da Rezensionsexemplar]

Als Mahit Dzmare, die Botschafterin einer kleinen Raumstation, in der riesigen Hauptstadt des Teixcalaanlischen Imperiums ankommt, muss sie feststellen, dass ihr Vorgänger verstorben ist. Obwohl niemand darüber spricht, ist es ein offenes Geheimnis, dass der Botschafter keines natürlichen Todes gestorben ist. Mahit versucht, mehr über die genauen Umstände herauszufinden, doch das ist am politisch und sozial hochkomplexen Hof des Teixcalaanlischen Imperiums ein gefährliches Unterfangen. Und wenn sie nicht ihr eigenes Leben und das Schicksal ihrer Heimat gefährden will, muss sich Mahit jeden Schritt genauestens überlegen …

Hach, dieses Buch. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Kurz vorweg: Ich fand es toll. Das Buch habe ich zwar zum ersten Mal aber definitiv nicht zum letzten Mal gelesen.

Nichts, was das Imperium berührte, bleibt, wie es war.

(Im Herzen des Imperiums)

Ich bin überzeugt, dass sich hier zwei Lager bilden werden: jene, die das Buch lieben und jene, denen es überhaupt nicht gefällt.

Fakt ist, dieses Buch ist aufregend und spannend, aber auf eine sehr ruhige Art und Weise.

Wir begegnen Mahit, Botschafterin der Raumstation Lsel, die in Teixcalaans Hauptstadt ankommt. Ihr Vorgänger, Yskandr, ist tot. Mahit trägt eine Imago von Yskandr, die vor 15 Jahren angefertigt wurde, in sich, ein Abbild, das von der Persönlichkeit und den Erinnerungen aufgezeichnet und ihr implantiert wurde. Ein Stück Technologie, das Lsel gern für sich behalten möchte und es ergo auch nicht an die große Glocke hängt. Für Mahit jedoch geht die Aufregung direkt in dem Moment los, in dem sie ankommt und ihrer zugeteilten Kulturreferentin Drei Seegras begegnet. Alle Bürger Teixcalaans tragen einen Namen, der eine Zahl enthält und ein Begriff, das entweder eine Pflanze oder einen unbelebten Gegenstand beschreibt. Wir begegnen Drei Seegras‘ gutem Freund, Zwölf Azalee, und dass die beiden befreundet sind, äußert sich auch in ihren Kosenamen für einander. So ist Drei Seegras das Schilfhälmchen und Zwölf Azalee das Blütenblättchen.

Die Sprache in Teixcalaan wird in Gedichten gesprochen und anstatt Dinge direkt anzusprechen, werden sie mit Metaphern und Analogien ausgedrückt, die in bestimmten Versmaßen und Rhythmen verfasst sind. Wie gut, dass ich als Leserin Mahit als Übersetzerin bekommen habe, denn sonst wäre ich aufgeschmissen gewesen. Die Sprache des Buches ist entsprechend lyrisch angehaucht und einfach eine wahre Freude. Der Humor ist extrem subtil, trocken und an vielen Stellen wunderbar intelligent. So manche Textpassage ließ mich schmunzeln.

„Blütenblättchen, du siehst schrecklich aus“, bemerkte Drei Seegras.
„Schilfhälmchen, da liegt ein toter Mann auf deinem Teppich. Wie ich aussehe ist demgegenüber nicht so wichtig“.

(Im Herzen des Imperiums)

Drei Seegras ist mir direkt ans Herz gewachsen. Interessanterweise dauerte es für mich sehr lange, zu Mahit selbst eine ähnlich enge Bindung aufzubauen. Der Erzählstil ist teils sehr nüchtern und losgelöst, so als wäre man selbst ein völlig unbeteiligter, beobachtender Fremder. Das Spannende daran war für mich die Tatsache, dass ich selbst durch Mahits Augen sah. Ihre Unsicherheit, ihr Gefühl, völlig fehl am Platz zu sein, ihr Staunen über dieses Imperium, zu dem sie schon immer so sehr gehören wollte, das alles transportierte für mich dieser Erzählstil. Und ich merkte, dass in dem Moment, als Mahit ihre Distanz und ihre Skepsis überwand und Vertrauen fasste, auch ich plötzlich nicht mehr distanzierter Beobachter war. Man könnte fast meinen, die Autorin hätte das beabsichtigt.

„Meine liebe asekreta, wortgewandt wie immer“.
Drei Seegras gab einen erstickten Laut von sich und sagte: „Euer Exzellenz, bitte nennen Sie mich nicht wortgewandt, wenn ich voller Rotz bin.“

(Im Herzen des Imperiums)

Gleichzeitig ist das Worldbuilding genial, die Anleihen zu uns bekannten, längst vergangenen Epochen sind fantastisch, die politische Intrige ist mit eine der besten, die mir je untergekommen ist und auch die Charakterisierung der Figuren war einfach super. Wurde Mahit durch plötzliche Plottwists überrascht, dann wurde ich das auch. Keinen davon sah ich kommen. Wie Mahit dachte ich, es wäre geklärt und die Dinge liefen von jetzt ab so und so und dann kam doch alles ganz anders. Dazu bekommen wir homesexuelle Beziehungen, ohne dass diese erzwungen wirken.

Und zwischen all den Zeilen und Worten verstecken sich Betrachtungen zu Imperialismus, kultureller Aneignung, Fremdenangst, Identitätsverlust und Moral, und zur Frage, was macht eine Persönlichkeit aus? Ist man noch dieselbe Person, wenn man die Persönlichkeit und Erinnerungen einer anderen Person in sich aufnimmt? Hat man überhaupt je die Chance die Person zu werden, die man werden sollte?

Das alles war spannend und es hat mich berührt und unterhalten und hach, dieses Buch, warum nur muss es zu Ende sein?

„Im Herzen des Imperiums“ hat mich restlos begeistert. Ich freue mich auf den Re-Read. Ich freue mich auf den zweiten Band. Überhaupt, dieses Buch hat mir soviel besser gefallen als so manch anderes die letzten Jahre. Klare Lesempfehlung für dieses sanfte, intelligente und ruhige Abenteuer, auf das man sich wirklich einlassen muss.

Anmerkung: Da es sich bei diesem Buch um ein zur Verfügung gestelltes Rezensionsexemplar handelt, muss ich diesen Beitrag als Werbung kennzeichnen. Ich möchte allerdings versichern, dass die verfasste Rezension meine ehrliche Meinung wiedergibt und nicht von der Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst wurde. Denn ganz ehrlich, Rezensionen hätten keinen Sinn, wenn sie nicht ehrlich wären. Ich bedanke mich beim Heyne Verlag und dem Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

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