„Das neue Buch Genesis“
Originaltitel: Genesis
Autor: Bernard Beckett
150 Seiten / Taschenbuch
ISBN: 383900103X
Verlag: script5

Ein Land, abgeschottet vom Rest der Welt, am Ende des 21. Jahrhunderts:
Anax steht vor der Prüfungskommission der Akademie. Fünf Stunden hat sie Zeit, um zu beweisen, dass sie würdig ist, in diese mächtige Institution aufgenommen zu werden. Ihr Prüfungsthema kennt sie so gut wie ihre eigene Geschichte: Adam Forde ist der Held ihrer Kindheit, der Mann, dessen Rebellion die Geschichte ihres Landes für immer prägte. Doch Anax weiß längst nicht alles über die Rolle, die Adam gespielt hat. Sie muss einsehen, dass die Geschichte, wie sie sie kennt, eine Lüge ist. Und dass die Akademie nicht ist, was sie scheint.

Die liebe Sandra von booknapping.de hat mir dieses Buch empfohlen, als ich nach einem anspruchsvollerem aber nicht zu langem Scifi-Roman für die Vorstellung in unserem Literaturkreis am Montag suchte. Und was für eine geniale Empfehlung das war.

Dieses Buch hat mich voll aus den Latschen gehauen. Eigentlich ein Jugendbuch, aber absolut für alle Altersgruppen geeignet.

Es ist schwierig, für diese Rezension einen Anfang zu finden. Die junge Anaximander, kurz Anax, muss eine Prüfung ablegen um in die Akademie aufgenommen zu werden. In einem fünfstündigen Referat muss sie sich den Fragen des Prüfungskomitees stellen. Mündliche Prüfungen kennen wir ja alle. Anax ist nervös, aber sie weiß, dass sie sich gut vorbereitet hat.

Der Aufbau des Buches ist ein reiner Dialog zwischen Prüfern und Prüfling, zwischendrin aufgelockert durch kurze Erzählabschnitte. Diese sind zwar nicht in der 1. Person Singular geschrieben wie die Dialoge, aber doch eindeutig Anaximanders Perspektive, die ihre Gedanken, ihre Gefühle ausdrücken, gleichzeitig aber auch als kleine Rückblenden funktionieren, die dem Leser mehr Aufschluss darüber geben, wie Anax sich auf die Prüfung vorbereitet hat.

Die Reaktionen der Prüfer wirken anfangs typisch aber bestimmte Nachfragen lassen Anax und damit auch den Leser kurz stocken und unsicher werden. Insgesamt entsteht dadurch das Gefühl, dass man direkt neben Anax steht und mit ihr die Prüfung absolviert, weil manche Reaktionen und Fragen doch unerwartet überraschend sind.

Zu Beginn der Prüfung fasst Anax kurz die Geschichte ihres Landes an und wirft einen Blick zurück. Dabei bringt Beckett viele Themen knallhart auf den Punkt, die wir heute jetzt gerade erleben:

Je mehr die Medien die Angst anfachten, desto mehr verloren die Menschen die Fähigkeit, aneinander zu glauben. Für jedes neue Übel, das sie heimsuchte, fanden die Medien eine Erklärung und die Erklärung hatte immer ein Gesicht und einen Namen. Schließlich begannen die Menschen sich sogar vor ihren eigenen Nachbarn zu fürchten. Überall suchten sie nach Anzeichen für die Bosheit der anderen: beim Einzelnen, in der Gruppe und innerhalb des Landes. Und wohin sie auch blickten, immer entdeckten sie solche Anzeichen, denn wenn man sucht, dann findet man.

Klingt vertraut, nicht wahr? Der Inselstaat Aotearoa (oder auch Neuseeland) erahnt anhand der Probleme auf der Welt den sich entwickelnden dritten Weltkrieg, und beginnt, sich dagegen abzuschotten. Es entsteht ein totalitäres Regime, das auch vor Euthanasie nicht zurückschreckt. Strenge Regeln, Geschlechtertrennung, Totalüberwachung, Klasseneinteilung. Jegliche Form von Individualität wird unterbunden, weil diese und das Bestreben des Menschen, sich ständig weiterzuentwickeln, für den Untergang der Welt verantwortlich gezeichnet werden. So ähnlich kennen wir es ja auch aus anderen dystopischen Romanen. Aber Bernard Beckett belässt es nicht dabei.

Auftritt Adam Forde, der in diesem Regime aufwuchs und zum Zeitpunkt von Anaximanders Prüfung längst tot ist. Er läutete eine Rebellion ein, die zur Entstehung der Gesellschaft führte, in der nun Anax lebt. Wie genau er das tut, möchte ich nicht verraten, denn es macht Spaß, Anaximanders Ausführungen dazu zu folgen und so die Geschichte ihrer Welt zu entdecken.

Und auch bis dahin klingt es für den geneigten Scifi-Leser alles sehr bekannt. Aber kaum, dass man denkt, man hätte das alles schonmal gelesen, kommt das Thema Künstliche Intelligenz dazu. Forde, der dann im Gefängnis saß, wurde Teil eines Experiments. Die künstliche Intelligenz namens Art wird Forde zur Seite gestellt. Bis dahin hatten alle Versuche mit KI zu Desastern geführt, so dass die Entwicklung eines bewusst denkenden und sich selbst weiterentwickelnden Androiden stagnierte. In dem Häftling Forde sah man eine Möglichkeit, diese Entwicklung wiederaufleben zu lassen, indem man Forde zu Arts Bezugsperson machte, damit Art seine eigene Persönlichkeit weiter entwickeln konnte.

Die vielen philosophischen Diskussionen und Streitereien zwischen Forde und Art führen den Leser dann zur Frage, was macht den Mensch aus? Was bedeutet das Menschsein? Dabei ist argumentationstechnisch Forde immer unterlegen, was mich als Leserin genauso wütend auf Art machte, wie Forde wütend auf ihn war. Dabei merkte ich schnell, wie schwer es mir selbst fällt, Leben zu definieren oder zu beschreiben, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Das hat der Autor einfach hervorragend hingekriegt.

Dabei zeigt sich, dass es bei Fordes Rebellion um weitaus mehr geht, als um reine Auflehnung. Während das System an seine Bevölkerung extreme Forderungen stellt, zeigt Forde einfach nur Menschlichkeit. Etwas, das sich in der Diskussion mit Art nur noch weiter zu spitzt. Was ist Menschlichkeit?

Die logischen Fehler in der Entwicklung des Inselstaats sind dabei ehrlich nebensächlich. Es ist egal, ob ein solches Szenario glaubhaft ist. Doch während viele andere Dystopien damit stehen oder fallen, ist der Weltenbau hier absolut nebensächlich, weil die philosophischen Fragen in den Vordergrund rücken und das auf eine ganz selbstverständliche Art und Weise. Es ist nicht erzwungen. Es entwickelt sich einfach von ganz allein.

Und das hat für mich den Reiz dieses Buches für mich ausgemacht. Dass das Ende dann eine riesige Überraschung bereit hielt, war dann der absolut unerwartete Paukenschlag, mit dem diese wirklich außergewöhnliche Geschichten ihre krönenden Abschluss fand.

Das neue Buch Genesis hat mich nicht nur überzeugt, sondern ist für mich eines der besten Scifi-Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es verspricht nicht viel und überrascht damit umso mehr. Man legt es nach der letzten Seite nicht einfach weg, sondern es wirkt nach. Danke für diese brillante Empfehlung. Eines meiner absoluten Lesehighlights überhaupt.

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