„Frühling, Sommer, Herbst und Tod“
Originaltitel: Different Seasons
Autor: Stephen King
620 Seiten / Taschenbuch
ISBN: 3548263283 
Verlag: Ullstein

Diese Sammlung vereint vier längere Geschichten, von denen drei erfolgreich verfilmt wurden. Sie lassen sich nicht alle dem Horrorgenre zuordnen, enthalten jedoch Elemente jenes Grauens, in dem es King zum unbestrittenen Meister gebracht hat – vier Höhepunkte seines Schaffens. „Atemtechnik“ ist die grausame Geschichte einer Frau, die ihr Kind zur Welt bringen will; ganz gleich, was geschieht. In „Der Musterschüler“ erliegt ein netter, aufgeweckter Junge der Faszination des Bösen. „Pin-up“ erzählt von einem ungewöhnlichen Gefängnisausbruch. Und in der stark autobiographisch gefärbten Geschichte „Die Leiche“ gehen vier Großstadtjungen auf verhängnisvolle Entdeckungsreise. 

Frühling, Sommer, Herbst und Tod umfasst vier Novellen für die jeweilige Jahreszeit.

Unter Frühlingserwachen steckt Rita Hayworth bzw. Pin-Up, das ziemlich hervorragend als The Shawshank Redemption (Dt. Die Verurteilten) verfilmt worden und mit Morgan Freeman und Tim Robbins brillant besetzt ist. Erzählt wird die Geschichte von Red, der in Shawshank seine lebenslange Freiheitsstrafe absitzen muss. Er berichtet vom Gefängnisalltag und vom neuen Häftling, Andy Dufresne, der für den Mord an seiner Frau und ihrem Geliebten lebenslänglich erhalten hat. Wer die Verfilmung kennt, weiß, dass es hier auf Andys Ausbruch aus Shawshank hinausläuft, wobei die Verfilmung doch in einigen Punkten von der Romanvorlage abweicht. Red ist ein sympathischer Erzähler und Andy eine sympathische Figur. Man folgt beiden sehr gern und gerade bei Red fällt es schwer, nicht zu vergessen, dass auch er für Mord im Gefängnis sitzt. Andys Ausbruch an sich ist dafür spektakulär und absolut genial. Auf die Idee muss man erstmal kommen.

In Sommergewitter findet sich die Geschichte Der Musterschüler, die im Gegensatz zu der Geschichte davor mit keiner sympathischen Hauptfigur aufwarten kann. Ganz im Gegenteil. In dieser Geschichte taucht King so dermaßen tief in die menschliche Psyche ab, dass sie meiner bescheidenen Meinung nach eine von Kings grausamsten und erschreckendsten Werken ist. Die Geschichte handelt vom anfangs 12jährigen Todd Bowton, der entdeckt, dass sein Nachbar Arthur Denker in Wirklichkeit der Naziverbrecher Kurt Dussander ist, der das Konzentrationslager Patin geleitet hat. Doch anstatt Dussander bei der Polizei zu melden, beginnt Todd Kurt zu erpressen und die beiden geraten in eine kranke Abhängigkeit. Über Jahre hinweg nimmt diese Abhängigkeit perverse Ausmaße an, in denen beide von einander losgelöst, mehrere Landstreicher und Obdachlose regelrecht abschlachten. Die Kapitel, in denen Kurt seine erste Mordlust an Katzen und Hunden auslebt, sollte man als Tierliebhaber am besten überspringen. Einfach nur krank. Das hat bei mir für Alpträume gesorgt. Als Kurt Dussander einen Herzanfall erleidet, als er gerade die Leiche eines Landstreichers in seinem Keller verbuddeln will, zwingt er Todd zur Hilfe. Später im Krankenhaus teilt er sich ein Zimmer mit einem Mann, der das Lager Patin überlebt hat und Dussander wiedererkennt. Die Schlinge zieht sich zu und sowohl Kurt Dussander als auch Todd Bowdon können den Konsequenzen ihres Handelns nicht mehr entfliehen.

Diese Geschichte hatte einige logische Fehler, aber diese kann man übersehen. Mit Todd Bowdon hat King einen absoluten Psychopathen erschaffen, an dem nicht ein Haar natürlich ist und der alles bis ins kleinste Detail plant. Erschreckend dabei auch seine Eltern, deren erster Satz über ihren Sohn immer der ist, was für ein guter Schüler er doch sei. Es verwundert nicht, dass sie in ihrer eigenen heilen und perfekten Welt leben mit ihrem ach so perfekten Sohn.

In Herbstsonate versteckt sich die Novelle Die Leiche, die unter dem Titel Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers verfilmt wurde. Vier zwölfjährige Freunde machen sich auf, die Leiche eines Jungen zu suchen, der von einem Zug erfasst worden ist. Dabei könnten die vier Jungen selbst unterschiedlicher nicht sein. Gordon, der Erzähler der Geschichte und heute erfolgreicher Autor, ist der zweite Sohn seiner Eltern. Sein Bruder ist gestorben und seine Eltern nehmen ihn auch nach dessen Tod kaum wahr. Er lebt unsichtbar sein eigenes Leben im Hause seiner Eltern. Chris, dessen Vater Alkoholiker ist und ihn ständig verprügelt, wird vom ganzen Ort unterstellt, in die Fußstapfen seiner missratenen Brüder zu treten irgendwann. Vernon, der dick und nicht der Hellste ist, sowie Teddy, dessen Vater, ein Weltkriegsveteran, vor ein paar Jahren ausrastete und die Ohren seines Sohnes am Herd verbrannte, so dass er Hörgeräte tragen muss und seine Ohren nicht als solche zu erkennen sind.

King schafft in dieser Novelle erneut diese beeindruckende Atmosphäre der 60er Jahre, die man schon aus anderen seiner Werke kennt. Es ist erneut eine Geschichte der Kindheit, des Erwachsenwerdens und der Freundschaft. Dabei referenziert er seine eigenen Werke immer wieder selbst und auch Figuren aus seinen anderen Büchern und Geschichten tauchen immer wieder auf oder werden zumindest erwähnt. Sei es Georgie im Regen, aus ES, der auf der Straße seinem Papierboot nachläuft oder Kurt Dussander, der erwähnt, dass der Banker, von dem er Aktien gekauft hat, in Shawshank lebenslänglich absitzt wegen des Mordes an seiner Frau und deren Geliebten. Es ist wieder ein stimmiges Gesamtbild.

In Wintermärchen handelt die Geschichte Atemtechnik. Der Erzähler David besucht einmal im Jahr einen ganz besonderen Club, in dem sich außergewöhnliche Geschichten erzählt werden. Eine dieser Geschichten dreht sich um die hochschwangere Sandra, die von ihrem Arzt begleitet wird, der auch diese Geschichte im Club erzählt. Als Sandra kurz vor der Entbindung steht, ruft sie sich ein Taxi, das auf dem Weg zum Krankenhaus einen Unfall hat, bei dem Sandra geköpft wird. Doch statt tot zu sein, zwingt sie ihren losgelösten Körper dazu, das Kind zur Welt zur bringen und seufzt erleichtert, als sie erfährt, dass ihr Kind ein gesunder Sohn ist.

Gepaart mit dieser einen Geschichte und dem Club, von dem David immer wieder erzählt, der überaus mysteriös ist, sieht man sich selbst vor einem Kaminfeuer sitzen und den Geschichten lauschen.

Alles in allem rundet diese letzte Novelle das Buch und das Jahr gut ab.

Eine Sammlung absolut herausragender Stephen King-Novellen, die jede auf ihre Weise etwas ganz besonderes sind. Dabei bietet aber gerade die Sommergeschichte den absoluten Horror, den man in den anderen Geschichten vermissen mag. Klare Leseempfehlung



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2 Comments on “King, Stephen – Frühling, Sommer, Herbst und Tod

  1. Hallo Grit, da ich die Geschichten vor ein paar Tagen abgeschlossen habe, kann ich dir fast nur zustimmen, was deine Bewertung angeht. Für mich persönlich bisher sogar eines seiner stärksten Werke, da es die Unterschiedlichkeit seines Schreibens richtig gut heraus stellt. Nur Atemtechnik war, trotz grandioser Erzählung, durch seine Rahmenhandlung zu mysteriös und passte nicht in das ansonsten realer Stimmungsbild der anderen Geschichten. Aber nichts desto trotz eine mehr als gute Novellensammlung.

    Liebe Grüße
    Marc

    • Hallo Marc, das freut mich, dass dir das Buch genauso gut gefallen hat. Überhaupt finde ich alle Sammlungen von Kings Novellen oder Kurzgeschichten echt genial, weil sie einfach das unglaubliche Spektrum abdecken, das Kings Schreiben so herausragend macht und sein Erzähltalent hervorragend wiederspiegeln.
      LG Grit

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