Das wird ein langer Text, der absolut nichts mit Büchern oder Scifi zu tun hat. Nichts. Wirklich gar nichts! Diplomatie sucht man hier vergebens. Das ein oder andere Schimpfwort wird enthalten sein. Sag nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt.

Anlass dafür ist dieser Artikel von Nicola Hinz zum 50. Geburtstag der Brigitte-Diät. Danke für diese Worte, Nicola.

Was soll ich sagen: Recht hat sie. Dabei steht die Brigitte-Diät stellvertretend für den ganzen beschissenen Diätenwahn.

Ich war mal dick. So richtig dick. Ich war dick, seit meinem 15. Lebensjahr. Davor auch ab und zu mal, aber das richtige Übergewicht kam erst später. Dauerdiäten waren an der Tagesordnung. Ich war unglücklich. Ich war wütend. Ich konnte mich selbst und den Rest der Menschheit nicht leiden.

Jetzt bin ich nicht mehr dick. Das ist eigentlich nur ein kleiner Bonus. Denn die Jahre, in denen ich tatsächlich dauerhaft abnahm, nutzte ich dafür, MICH zu finden. Ich lernte, wer ich bin. Was ich im Leben eigentlich will. Ich änderte an mir Dinge, die mich wirklich störten – meine Wut, meine Arroganz gegenüber anderen, meine fehlende Geduld, meinen Selbsthass. Ich wurde ein anderer Mensch. Ich setzte mich mit mir selbst auseinander. Ich entschuldigte mich bei Menschen, die ich verletzt hatte. Ich konzentrierte mich auf mich selbst. Ich zog mich aus meinem Loch aus Selbstmitleid, Opferdenken, Selbsthass, Hass, Depressionen, Wut, Schuldgefühlen.

Ich arbeitete an meiner Kommunikation. Ich tat plötzlich Dinge, die mir wirklich Spaß machten. Ich lernte neue Menschen kennen. Knüpfte Stück für Stück ein soziales Netz.

Wenn man 40kg abnimmt, dann interessiert all das aber in der Regel keinen wirklich. Die vierzig verlorenen Kilo schweben über allem. Mir wurde Respekt bekundet und gratuliert. Mir wurde gesagt, ich könne darauf stolz sein, soviel Gewicht verloren zu haben.

ABER: Darauf bin ich nicht stolz. Es war einfach scheiße einfach, abzunehmen. Ja. Ich wollte meine Insulinresistenz in den Griff kriegen und stellte deswegen meine Ernährung um, und dabei nahm ich dann ab. So ganz nebenbei Ganz von alleine. Ich tat NICHTS dafür. NICHTS, was wirklich etwas wäre, auf das man stolz sein könnte. Es passierte einfach.

Ich hatte einfach die Nase voll von allem und änderte mein Leben. Aber ich änderte es, weil ich MICH ändern wollte, nicht weil ich abnehmen wollte. Ich war es gewohnt, dick zu sein. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich nie anders aussehen würde. Bei den ersten 5kg war ich skeptisch. Jeder, der mal stark übergewichtig war, kennt es ja: Abnahme, Zunahme, Abnahme, Zunahme. Dauerhaft abnehmen passierte nur anderen. Und 5kg waren jetzt bei weit über 100kg keine wirklich beeindruckende Zahl. Dann wurden es 10kg, irgendwann 15, dann 20 usw.

Krasse Sache, sage ich euch.

Mittlerweile kotzt es mich an, dass man mir dafür Respekt bekundet. Es war für mich keine Leistung, weil ich dafür keine Arbeit erbrachte. Keine Energie da reinsteckte. Es passierte einfach. Die wirklich harte Arbeit geschah in mir und an mir. An meiner Persönlichkeit. Wenn ich heute zurückblicke denke ich, dass sich mein Äußeres einfach der Person angepasst hat, die ich immer sein wollte nie sein konnte, weil ich mich nie traute, diese Person zu sein. Weil ich mich nie traute, Gefühle zulassen. Menschen nahe ranzulassen. Mich zu öffnen. Ängste zu erkennen und mich ihnen zu stellen. Das Wichtigste: Mir gegenüber immer ehrlich zu sein, um anderen gegenüber ehrlich sein zu können.

Es war harte Arbeit, all das zu lernen. Zu lernen, zu mir selbst und dem, was ich sagte und tat, zu stehen. Menschlich zu wachsen ist immer harte Arbeit. Kennen ja sicherlich die meisten.

Aber wenn ich für etwas Anerkennung will, dann dafür. Nicht für einen beschissenen Gewichtsverlust. Jeder Mensch soll einfach nur glücklich sein. Wie er dabei aussieht, was er dabei wiegt, who the fucking fuck cares???

Weißte, wie beschissen es sich anfühlt, wenn man ein schlechtes Gewissen hat für jeden einzelnen Bissen, den man isst? Wenn man diese ganzen Argumente hört, dass Dicksein so ungesund ist. Dass man es sich doch wert sein sollte? Scheiß auf diesen Rotz. Das Leben ist kurz. Das Leben ist ein Risiko. Spoiler: Wir sterben alle am Ende unseres Lebens. Huch, das mag überraschen, aber warum sollen wir uns unser Leben lang so dermaßen quälen, einem optischen Ideal zu entsprechen, das andere uns aufdiktieren?

Ich habe insgesamt 8kg zugenommen in den letzten 2 Jahren. Ich weiß, da gibt es die eine oder andere Bekanntschaft, die insgeheim darauf wartet, dass ich alle abgenommenen 40kg wieder zunehme. Aber ganz ehrlich, mir ist die Denke dieser Bekanntschaft egal. Zeugt dieses Denken doch mehr davon, dass diese Bekanntschaft eine unsichere, boshafte Person ist.

Ich passe immer noch in Größe 38. Ich sehe immer noch toll aus. Aber jetzt kommt wieder diese verfickte Stimme im Kopf daher und mäkelt daran rum, was ich esse. Fragt mich, ob es nicht besser sei, Kalorien zu zählen. Fragt, ob ich diese Schokolade jetzt wirklich kaufen musste. Und irgendwo im Kielwasser dieser verschissenen Stimme schwimmt das Schuldgefühl, das jeder kennt, der mit sich selbst und seinem Körper ums Schlanksein kämpft oder gekämpft hat

Das ist doch einfach nur krank. Das ist Gehirnwäsche pur.

Sich ständig rechtfertigen zu müssen, vor anderen, und schlimmer noch, vor sich selbst. Diese Schuldgefühle, verursacht durch unbedachte Äußerungen meines Umfelds.

Und jetzt mäkel ich an mir rum wegen einem Pölsterchen hier, dem runderen Gesicht da. Kotzt mich das an. Es kotzt mich an, weil es tief in mir verwurzelt ist, dass Gewicht und Aussehen immer noch stärker bewertet werden, als das, was ich im Leben erreicht habe. Du weißt schon, so lapidare Dinge wie eine erfolgreiche Beziehung, ein stabiles Umfeld, echtes, persönliches Glück.

Schuld an dieser ganzen Scheiße sind unsere Mütter, die selbst immer in einer Dauerdiät hingen. Unsere Freundinnen, die ständig auf Diät waren. Aber man kann ihnen das gar nicht vorwerfen, denn sie wurden genauso gehirngewaschen. Von der Gesellschaft und allen voran den Medien, die diktierten, wie man auszusehen hat und dass das Aussehen ein Synonym für Jugend, Kraft und Kontrolle ist. Die uns das berühmte schlechte Gewissen eintrichterten und uns vorwarfen, wir seien maßlos, könnten uns nicht kontrollieren und hätten unser Leben nicht im Griff. Es ist ein verkackter Teufelskreis.

Ich würde jetzt gern sagen, dass ich aus diesem Teufelskreis ausgebrochen bin, aber bis dahin wird es wohl noch ein langer Weg sein. 40 Jahre Gehirnwäsche und Indoktrination haben bei mir etwas ausgelöst, das sicherlich in irgendwelchen Fachbüchern betitelt ist, aber das ich einfach frei heraus sagen kann: ich bin essgestört.

Dank Brigittediät und allen anderen Diäten. Dank der Gesellschaft und der Medien. Mein Verhältnis zum Essen ist nicht das eines gesunden Menschen. Es ist immer mit dem Gedanken verbunden, ob es das RICHTIGE Essen ist. Ob es nicht zuviel ist. Ob ich es wirklich essen sollte. So. Soweit zum Thema Ehrlichkeit. Ich esse gern, aber ich fühle mich dabei immer schlecht. Ich dachte, ich hätte es hinter mir gelassen, aber dem war nicht so. Ich esse mit Genuss, aber ich fühle dabei schlecht.

Ob ich das jemals ändern kann, weiß ich nicht. Ich arbeite daran. Ich spreche meine Anerkennung denen aus, die es erfolgreich geschafft haben, diese Denkweisen zu durchbrechen.

Und allen, die hier genauso festhängen wie ich, sage ich: Ihr seid nicht allein. Wir müssen nur mehr drüber reden. Ich weiß, das ist nicht einfach. Aber es ist ein erster Schritt. Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann. Hören wir alle auf, uns was vorzumachen. Seien wir ehrlich uns selbst gegenüber. Dann können wir auch ehrlich miteinander über dieses Thema sprechen.

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2 Comments on “Diätende Mütter produzieren diätende Töchter

    • ich glaube, ich kenne keine Frau, für die dieses Thema nicht emotional ist. Ich selbst befinde mich noch in diesem Stadium des Überwindens dieser Emotionalität was das Essen angeht. Ich drück Dich mal <3

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