Weihnachten, jedes Jahr derselbe Schei-Schmarrn

Weihnachten steht vor der Tür, wir schmücken die Wohnung. Die Truhe mit dem Weihnachtszeug steht im Keller ganz hinten. Wie gut, dass kaum etwas davorsteht.

„Wenn Du das kurz hältst und das hier rüberschiebst, komme ich fast ran.“ Ich drücke meiner Schwester zwei Kisten in die Arme und bitte sie, zwei weitere mit dem Fuß wegzuschieben.

„Da steht noch der Grill im Weg“, sagt sie.

„Ja, ich schieb den fix ans Regal,“ meine ich und stelle dabei fest, dass der Boxsack im Weg hängt.

„Wart, ich drück den mit meinem Bein zur Seite, dann sollte es gehen,“ sagt meine Schwester.

Mit zwei Kisten in den Händen balanciert sie den Boxsack zur Seite. Auf einem Bein.

Schwungvoll schiebe ich den Grill ans Regal. Dabei stoße ich gegen den großen Koffer, der meiner Schwester in das eine Bein saust, das noch auf dem Boden steht. Sie gerät gefährlich ins Wanken. Wie in Zeitlupe sehe ich sie langsam und mit erschrockenem Gesicht zur Seite fallen.

Ich versuche, sie zu fangen, aber die Kisten poltern zu Boden und meine Schwester poltert hinterher.

„Alles ok, alles ok. Nix passiert,“ stöhnt sie. Sie setzt sich auf und wird vom schwingenden Boxsack k.o. geschlagen.

Ich hocke mich im verstreuten Inhalt der Kisten neben sie und klopfe ihr sanft auf die Wange. Keine Reaktion. Da liegt sie nun, drapiert zwischen lauter Krimskrams, den wir eigentlich im Frühjahr auf den Wertstoffhof entsorgen wollten. Also, im Frühjahr vor 2 Jahren. Naja, nächstes Jahr, der Wertstoffhof läuft ja nicht weg. Ich richte mich auf. Der Boxsack schwingt immer noch, nur dieses Mal auf mich zu. Er versteht wesentlich mehr als ich von der Anwendung theoretischer Formeln auf die Praxis und während ich rückwärts gegen die Bierzeltgarnitur falle, grüble ich noch …

„Verdammt, da war doch was mit Masse und Beschleunigung?“

Mein Treffen mit der Bierzeltgarnitur unterbricht meine Gedankengänge, ganz besonders als diese mit einem lauten „Juchhu“ seitlich wegrutscht. Sie landet auf dem Grill und katapultiert diesen kurzerhand durch die geöffnete Kellertür in die Waschküche gegenüber, wo er an der Türklinke hängenbleibt, umkippt und seine dreckigen Lavasteine auf den Fliesen verteilt.

„Na, immerhin ist jetzt der Weg frei,“ denke ich bei mir.

Ein lautes „Triring-Triring“ lässt mich auffahren und mit Schrecken stelle ich fest, dass beide Fahrräder zur Seite kippen und auf meiner Schwester landen, die sich immer noch nicht rührt. Zum krönenden Abschluss klappern die Gartenmöbel mit ihren Alubeinen und werfen sich oben drauf. Ich schwöre, die haben Anlauf genommen und dabei gelacht.

Ich blicke mich um. Es ist gespenstisch still. Nichts steht mehr im Keller. Nichts, bis auf das Regal. Misstrauisch beäuge ich es.

„Wage es ja nicht. Sonst fliegst du auf den Sperrmüll“.

Reglos steht es da und behält seinen Inhalt in den Fächern. Trotzdem habe ich irgendwie das Gefühl, dass es mich nicht ganz ernst nimmt. Ich frage mich wieso.

„Was ist denn hier passiert?“ Meine Mutter steht in der Tür. „Könnt Ihr nicht einmal das machen, was man Euch sagt?“

„Der Boxsack hat uns angegriffen,“ stammele ich.

„Es.ist.mir völlig egal, wer angefangen hat,“ schimpft sie. Ich sage Euch, das Kursiv kann man regelrecht hören. „Du und Deine Schwester sollt Euch nicht streiten, immerhin ist Weihnachten.“

„Ja Mama,“ seufze ich resigniert.

„Und jetzt hol die Sachen aus der Truhe.“ Sie blickt sich um. „Platz ist ja nun genug.“

„Wollen wir nicht erst Jana nach oben bringen?“ frage ich

„Papperlapapp, da liegt sie nur im Wege und hier liegt auch viel zu viel Zeug auf ihr drauf. Bring erstmal die ganzen Räuchermänner, Nussknacker, Engel, Pyramiden, Lichterpüppchen, Fensterbilder, Schwibbögen, Dekolichter und das Krippenspiel mit.“ Sie dreht sich um und stürmt die Treppe hinauf.

„Und vergiss die gestickten Tischdecken nicht, sonst werden wir ja nie fertig.“

„Also, ich muss schon sagen, Ihr Erzgebirgler habt komische Prioritäten.“ flüstert der Boxsack neben mir. Erst Deine Schwester, dann Deine Mutter.“

„Ja,“ seufze ich und stutze. „Moment mal, wie meinst Du das?“

Er wird verlegen und läuft rot an, auch wenn Rot die Farbe ist, die er sonst immer hat.

„Naja,“ beginnt er zögernd… „Ich hatte es Deiner Schwester versprochen, sie k.o. zu schlagen, damit sie nicht beim Dekorieren helfen muss.“

„Ach und ich darf das jetzt alles alleine machen?“ schimpfe ich. „Ich sollte Dich in den Sperrmüll werfen.“

„Na, ich könnte Dich ja nächstes Jahr KO schlagen.“ antwortet er hastig. Oder…Oder im Frühjahr, wenn Ihr den Keller endlich entrümpeln wollt.“

Ich starre ihn böse an.

„Okay, dann schlage ich Dich beide Male KO, abgemacht?“

„Abgemacht.“

Als ich vollbepackt den Keller verlasse, ruft er mir hinterher: „Frohe Weihnachten“

„Jaja, du mich auch.“

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4 Comments on “Weihnachten, jedes Jahr derselbe Schei-Schmarrn

    • dankeschön 🙂 Ich hab die am Montag bei unserem Literaturkreis vorgelesen (da war das Thema eben mit Weihnachten) und wurde dann direkt für unsere Schreibwerkstatt rekrutiert. Sieht so aus, als könnte ich meine Schreibversuche bald nicht mehr hier im Blog verstecken sondern muss sie auch mit mir persönlich bekannten Menschen von Angesicht zu Angesicht teilen. Wie gut, dass es im Dezember ausreichend Glühwein dafür gibt xD

      Dir und Deinem Mann auch einen schönen Nikolaus <3

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