Es ist in der Vergangenheit häufiger vorgekommen, dass ich gefragt wurde, welche Bücher ich denn empfehlen würde für Leser, die gern mehr Science Fiction lesen möchten. Diese Frage zu beantworten ist nicht so leicht. Science Fiction ist kunterbunt und was man am Ende davon gern liest, hängt sehr davon ab, was man auch sonst gern liest bzw. beim Lesen bevorzugt. Dieser Post ist also mein Versuch, dem Genreneuling den Einstieg zu erleichtern. 

Kunterbuntes Science Fiction – Die Untergenre des Genre

So wie sich die Belletristik allgemein in verschiedene Bereiche aufteilt, so ist das auch bei der Science Fiction. Wenn man den Begriff anschaut, dann steht Science Fiction für Wissenschafts Fiktion, aber je nach Kategorie ist der Wissenschaftsteil hier mal mehr, mal weniger von Belang. Nehmen wir z.B. StarWars: es ist eigentlich ein Märchen, das im Weltraum spielt. Es handelt nicht in der Zukunft, sondern vor langer Zeit. Es wird zwar gern der Science Fiction zugordnet, aber im eigentlichen Sinne ist es das nicht. Das Setting der Geschichte definiert nicht das Genre. Science Fiction wurde früher genau definiert, sprich die wissenschaftliche Entwicklung und die rationale Nachvollziehbarkeit. Heutzutage hat sich das alles stark vermischt. Und deswegen gibt es viele Unterbegriffe, die unter Science Fiction laufen. Wer genau nachlesen möchte, was Science Fiction konrekt ist, dem empfehle ich, sich dazu bei Wikipedia zu belesen, wo es einen sehr ausführlichen und guten Artikel dazu gibt und auch wie sich das Genre über die Jahre entwickelt hat.

Machen wir mal einen groben Überblick über die wichtigsten Unterkategorien. Dabei nie vergessen, dass sich vieles miteinander überschneidet.

Hard-SF

Romane in diesem Bereich legen großen Wert auf wissenschaftliche Genauigkeit. Hervorragende Vertreter dafür sind Brandon Q. Morris mit seiner Eismondreihe sowie Andy Weir mit seinen beiden Werken Der Marsianer und Artemis. Autoren in diesem Genre versuchen, ihre Geschichte vor einem Hintergrund zu erzählen, der so wissenschaftlich akurat ist wie nur möglich. Brandon Q. Morris geht hier soweit, dass er den aktuellen Stand unserer heutigen technischen und wissenschaftlichen Entwicklung nimmt und versucht, so wenig wie möglich davon abzuweichen, auch wenn das für die Handlung nicht immer möglich ist. Beide Autoren kann ich allen empfehlen, die gern den wissenschaftlichen Aspekt haben möchten, während die Handlung des Romans trotzdem mitreißend ist. Von den Autoren der alten Garde kann ich Arthur C. Clarke und Isaac Asimov empfehlen, deren Romane allerdings gerade für Neueinsteiger durch ihren Erzählstil etwas abschreckend sein können.

persönliche Empfehlungen

  • Brandon Q. Morris – Enceladus (Eismond #1)
  • Andy Weir – Der Marsianer
  • Andy Weir – Artemis

Soft-SF

Im Gegensatz zum Hard-SF, beleuchtet Soft-Sience Fiction gesellschaftliche, philosophische und politische Aspekte und Entwicklungen und stellt die emotionale Entwicklung der Figuren als Ganzes und als Individuum in den Vordergrund. Meine liebste Vertreterin dieser Kategorie ist Ursula K. LeGuin. Hier sollte man sich allerdings bewusst machen, dass die philosophischen Gedanken und die gesellschaftlichen Aspekte stark im Fokus stehen und die Geschichten nicht zwingend mitreißende Action bieten. Wem Spannung bis zur letzten Seite sehr wichtig ist, der sollte sich hier als Einsteiger nur bedingt für die ersten Gehversuche ranwagen.

persönliche Empfehlungen

  • Ursula K. LeGuin – Freie Geister
  • Ursula K. LeGuin – Verlorene Paradiese
  • Connie Willis – Die Jahre des Schwarzen Todes
  • Connie Willis – Die Farben der Zeit
  • Hao Jingfang – Wandernde Himmel
  • Hao Jingfang – Peking falten
  • Ann Leckie – Die Maschinen

Military SF

Beim Military SF dreht sich alles ums Militar und um Krieg bzw. einen Konflikt. Die Figuren sind meistens Soldaten. Hier gibt es ganz heraussragende Werke, sofern man sich von der übergeordneten Thematik nicht abschrecken lässt. Man sollte also auf detailgenaue Kampfstrategien, Schlachten und Kriegszenarien gefasst sein, aber auch auf gute Spannung und viel Action. Dass dabei der menschliche Aspekt nicht zu kurz kommen muss und durchaus auch Frauen gutes military Scifi schreiben können, zeigt Autorin Linda Nagata.

persönliche Empfehlungen

  • David Weber – Auf verlorenem Posten
  • John Scalzi – Krieg der Klone
  • Robert A. Heinlein – Starship Troopers
  • John Haldeman – Der ewige Krieg
  • Linda Nagata – Red 1: Morgengrauen (lese ich gerade und es ist hervorragend)

Space Opera

Space Opera ist meines Erachtens das Genre, das am breitesten gefächert alle möglichen Themen auffasst und sich dabei in irgendeiner Form mit allen anderen Untergenres überschneidet. Dabei mag man grundsätzlich Romane von epischem Ausmaß und mehrteiligen Reihen darunter verstehen, aber es gibt auch Einzelromane, die durchaus in diesen Bereich fallen können. Ich persönlich denke, dass man mit einer Space Opera als Einsteiger auf der sicheren Seite ist, denn sie bietet alles, was die Mehrheit der Leser in der Regel interessiert. Space Operas sind normalerweise sehr handlungsorientiert.

persönliche Empfehlungen

  • Becky Chambers – Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten
  • Peter F. Hamilton – Die Greg Mandel-Reihe (3 Bände, ein Kriminalroman in weiter Zukunft)
  • Peter F. Hamilton – Die Commonwealth-Saga (3 Bände im Englischen, 5 oder 6 im Deutschen)
  • James Corey – The Expanse-Reihe (aktuell 7 Bände)
  • Lois McMaster Bujold – Die Vorkosigan Saga

Steampunk

Steampunk verbindet Elemente der Zukunft mit technischen Errungenschaften der Vergangenheit. Statt großen Raumschiffen, gibt es Luftschiffe und Dampfmaschinen. Ich lese es eher selten, deswegen kann ich eigentlich nur einen Titel empfehlen.

  • Jim Butcher – Windjäger

Cyberpunk

Der Mensch und die Kibernetik spielen hier eine große Rolle. Die Geschichten sind meistens angesiedelt in einer Welt, in der Großkonzerne die Macht haben. Cyberpunk ist meistens Dystopie und wird gern als das Noir des Scifi bezeichnet. Es ist düster und die Welt ist schmutzig.

Bekanntestes Werk in diesem Genre ist Philip K. Dicks Bladerunner.

  • Philip K. Dick – Bladerunner
  • Richard Morgan – Das Unsterblichkeitsprogramm
  • Cory Doctorov – Backup
  • William Gibson – Neuromancer

Dystopie und Utopie

Dystopien gehören meiner Meinung nach ebenso zur Science Fiction wie Utopien. Während in einer Utopie die perfekte Gesellschaft mit zufriedenen und gesunden Menschen kreiert wird, in der es keine oder kaum noch Krankheiten gibt, ist die Dystopie das genaue Gegenteil. Dystopien handeln meistens in einer Welt, in der eine Gruppe von Menschen unterdrückt wird, starke Kontrolle und Überwachung vorherrschen. Gerade im Jugendbuchbereich der letzten Jahre findet man viele Dystopien.

Dystopien

  • Suzanne Collins – Die Tribute von Panem
  • George Orwell – 1984
  • Octavia E. Butler – Die Parabel vom Sämann
  • Margaret Atwood – Oryx & Crake
  • Margaret Atwood – Das Tagebuch der Magd
  • Omar El Akkad – American War
  • Hugh Howey – Silo

Utopien

  • Aldous Huxley – Schöne Neue Welt
  • Alexander Bogdanov – Der Rote Planet

Die Überschneidungen im Genre sind vielseitig. So kann ein Kriminalroman im Cyberpunkbereich zu finden sein, oder eine Liebesgeschichte in einer Utopie. Wenn man unsicher ist, sollte man sich soviel belesen wie möglich.

Alles schön und gut, Frau Schnute, aber mit welchem Buch fange ich denn nun am besten an? 

Wer gern spannend einsteigen möchte, dem empfehle ich persönlich Leviathan erwacht von Autorenduo James S.A. Corey. Der Roman bietet alles, was der geneigte Leser sucht. Einen Kriminalfall, Weltraumschlachten, eine sympathische Raumschiffcrew, einen politischen Konflikt, eine unbekannte außerirdische Bedrohung, keine übermäßigen technologischen Erklärungen (auch bekannt als Technikgebabbel) alles verpackt in einen rasanten und soliden Erzählstil, der den Leser packt und bei Laune hält.

Ein weiterer guter Einsteigerroman ist Die Spinne im Netz von Peter F. Hamilton. Ein Detektivroman in einer Zukunft, die mit Armut, Naturkatastrophen und Kriegen zu kämpfen hat.

Wer es sanft und kuschelig mag mit einem bunten Mix an Außerirdischen, viel menschlicher Vernunft und keinem künstlichen Drama, pures Wohlfühlscifi quasi, bei dem die Figuren im Zentrum stehen und die Handlung eigentlich nebensächlich ist, dem kann ich nur Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers empfehlen.

Wer es düster und dystopisch mag mit gut geschriebenen Figuren, einem eher außergewöhnlichen Handlungsort und doch spannend, dem empfehle ich Silo von Hugh Howey.

Das sind meine vier Empfehlungen, die einem Einsteiger durchaus Leseerfolg versprechen!

Und sonst?

Wenn mich jemand nach Empfehlungen fragt, dann setze ich meistens voraus, dass die fragende Person Interesse am Genre hat aber nicht weiß, wo sie anfangen soll. Das heißt auch, dass die Person nach einem Buch auch weiterhin mehr aus dem Genre lesen möchte. Es gibt immer sehr zahlreiche Diskussionen ob man einen Klassiker oder einen neueren Roman empfiehlt. Ich persönlich gehe hier nach meiner eigenen Erfahrungen. Viele Klassiker habe ich als Teenager gelesen. Wenn ich sie heute lese, würde ich mich vom Genre wahrscheinlich abwenden, wenn ich sie heute das erste Mal als Einsteiger lesen würde. Klassiker sind schwierig zu lesen, je älter sie sind. Und der Markt bietet heute eine große Auswahl an Werken im Science Fiction-Bereich. Wer hier begeistert einiges gelesen hat, der wird unweigerlich auch mal zu den Klassikern greifen und sich davon nicht abschrecken lassen, weil der Grundstein für den Drang, mehr im Genre zu lesen, schon fest gelegt ist. Als ‚erfahrener‘ Scifi-Leser liest man die Klassiker nunmal mit anderen Augen, als als totaler Neuling im Genre. Und dann können ein Ray Bradbury, ein Stanislaw Lem oder ein Robert A. Heinlein schon arg abschreckend wirken, egal wie brilliant ihre Werke sind.

Haste auch ein paar Links für mich, wo ich mich weiter informieren kann?

Klar.

Scifinet.org – Das Science Fiction Forum für alle Interessierten und Genre-Fans.

Tor online – Die Onlineplattform des Fischerverlages zum Thema Phantastik

Die Zukunft – Die Onlineplattform der Randomhouse Verlagsgruppe

Phantastik-Couch – Neuerscheinungen im Phantastik-Genre und eine riesige Fundgrube

SF-Lit – Alles rund um Science Fiction Literatur

Zu guter Letzt

Dieser Beitrag erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Ich hoffe aber, dass er den Einsteigern und Genre-Neulingen einen kleinen Überblick bietet und vielleicht auch die ein oder andere Buchempfehlung dabei ist, die das Interesse am Genre noch weiter beflügelt. Ich möchte keine Wissenschaft aus dem Ganzen machen. Ich liebe das Genre, mit allem, was es zu bieten hat. Wie bei allen Büchern sind manchmal ein paar dabei, die mir nicht so gut gefallen, während wieder andere mich komplett vom Hocker gerissen haben. Die hier ausgesprochenen Empfehlungen basieren auf meinen eigenen Leseerfahrungen und sind dabei so subjektiv, wie Geschmäcker nunmal sind. Es würde mich freuen, von Euch zu lesen, ob Ihr meinen Beitrag hilfreich fandet; ob Euch eine Empfehlung tatsächlich dazu animiert hat, das Buch zu kaufen und zu lesen und wie es Euer Interesse am Genre Science Ficton beeinflusst hat.

Über weitere Empfehlungen von Scifi erfahrenen Lesern in den Kommentaren würde ich mich natürlich sehr freuen.

Nachtrag:

Hier gehts zum zweiten Beitrag zu dem Thema: Science Fiction-Literatur: Noch mehr Subgenre

 

 

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14 Comments on “Der Einstieg in Science Fiction-Literatur: Wo fängt man am besten an?

  1. Was für ein großartiger Beitrag! <3
    Mit Science Fiction befasse ich mich so selten – und wenn ich so einen Beitrag sehe, erschließt sich mir erst, wie viel mir da entgeht! 😀 Zwar habe ich schon einige Bücher aus dem Bereich gelesen, aber es gibt ganz schön viele Titel, die mir so gar nichts sagen. Also – an dieser Stelle ein großes Danke für den Stups in eine von mir ein wenig vernachlässigte Richtung! 🙂
    Liebste Grüße,
    Ida

  2. Meine Liebe,
    ein ganz ganz großartiger Artikel! Schon erstaunlich in wie viele Subgenres sich die SciFi unterteilen lässt. Aber wieso auch nicht, du sagst es ja, die Belletristik kann es ja auch. Ich nehme mir auf jeden Fall bei der nächsten Wahl eine deiner Empfehlungen vor, da ich nun auch einen besseren Überblick habe, was mich wirklich interessieren würde! Steampunk als SciFi hätte ich zB gar nicht gesehen, aber wenn ich näher drüber nachdenke, wieso eigentlich nicht? Vllt sollte ich mir den Windfjäger einmal direkt besorgen. ♥

    • Und das sind bei weitem noch nicht alle. Da gibt es noch soviele mehr. Ich hab grad schon weiter unten geschrieben, dass ich darüber dann wohl auch nochmal einen Beitrag machen werde mit Empfehlungen. Vieles überschneidet sich ja aber sollte trotzdem Erwähnung finden. Ich wünsche Dir ganz viel Spaß beim Stöbern und Entdecken. 🙂 Wg. Windjäger, den hab ich eigentlich nur gelesen, weil es von Jim Butcher ist, der ja auch die Harry Dresden Romane geschrieben hat, die ich über alles liebe. Gefallen hat mir Windjäger trotzdem 🙂

      • Oh ja, ich bin auch für noch mehr Empfehlungen zu haben! 🙂 Also ich muss ja sagen, Steampunk interessiert mich ja wirklich sowieso schon immer (grade auch im Comicuniversum) da kann man nicht viel verkehrt machen, denk ich. 🙂

  3. Sehr gut!
    Vielleicht könnte man noch als Subgenre die Future Historie aufnehmen. Hier wird eine mögliche Entwicklung über große Zeiträume beschrieb. Beispiele wären Asimovs Foundation, Olaf Stapledons Star Maker oder Canopus im Argos: Archive von Doris Lessing (die das selbst aber als Space Fiction bezeichnete)

    Den Begriff Soft SF kannte ich hingegen noch gar nicht. Freie Geister von Le Guin sehe ich auch eher als Social Fiction. Dorthin passen dann auch Joanna Russ oder Daths Abschaffung der Arten.

    • Soft SF ist quasi der begriffliche Gegensatz zum Hard SF und behandelt entsprechend die weichen Wissenschaften (=Gesellschaftswissenschaften, Philosophie, Politik) im Gegensatz zu den harten Wissenschaften (= alle Naturwissenschaften)

      Ich habe in dem Artikel das Thema ja nur grob angerissen. Es gibt noch soviel mehr Untergenre, die auch teilweise fließend in die anderen übergehen. Ich glaube, darüber werde ich noch mal einen eigenen Beitrag verfassen, der das noch mehr aufdröselt und da auch dann die Empfehlungen mit reinnehmen. 😀 Vielen Dank dafür 🙂

  4. Alles tolle Empfehlungen. Da habe ich einiges abzuarbeiten. Eine winzige Ergänzung wäre die Perelandra-Trilogie von C.S. Lewis. Vielleicht der leichteste Stoff, aber eindeutig ein grundlegender Klassiker.
    LG, Jürgen

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