„Peking falten“
Originaltitel: 北京折叠
Englischer Titel: Folding Beijing
Autorin: Hao Jingfang (郝景芳)
60 Seiten / eBook
EAN: 9783644405035
Verlag: Rowohlt Verlag

Peking, in der Zukunft: Um den knapp bemessenen Raum möglichst effizient zu nutzen, wurde die Stadt in drei Sektoren unterteilt, die sich mittels einer raffinierten Konstruktion platzsparend drehen, in der Erde versenken und zusammenfalten lassen. Nach einem strengen Plan wird immer nur ein Sektor entfaltet, damit die Menschen darin ihren Tätigkeiten nachgehen können. Ein Kontakt über die Sektorengrenzen hinweg ist untersagt.
Lao Dao, Arbeiter in einer Müllentsorgungsanlage im Dritten Sektor, übernimmt einen abenteuerlichen Botengang in die abgeschirmte Erste Zone – und entdeckt ein düsteres Geheimnis hinter den faltbaren Mauern dieser schönen neuen Welt.
Mit ihrer beklemmenden Dystopie eines künftigen urbanen Lebens gewann Hao Jingfang 2016 den international renommierten Hugo Award für Science-Fiction in der Kategorie «Best Novelette».

Peking falten kommt als ruhige Erzählung ohne großes Tamtam und Brimborium daher. Hauptfigur ist Müllarbeiter Lao Dao, der mit seinen 48 Jahren nichts anderes kennt als den dritten Sektor. Wir folgen ihm als stiller Beobachter auf seinem Weg in den zweiten Sektor, wo er die Nachricht abholen soll, die ihren Weg in den ersten Sektor finden muss. Dabei ist diese Nachricht nichts weltbewegendes. Keine geheime Untergrundorganisation, die das System überwerfen will. Keine Revolution. Zum Thema Rebellion sagt die Autorin, „das sei ihr ein zu großes Klischee“ und meiner Meinung nach behält sie Recht damit.

Peking falten kritisiert nicht nur das System sondern auch die Menschen. Die Menschen, die schulterzuckend ihr Schicksal hinnehmen und es den großen ‚Bonzen‘ damit erlauben, das System weiterzuführen.

Im Vorwort des eBooks erfährt die Leserin so einiges darüber, warum sich chinesische Autoren bevorzugt im Genre Science Fiction tummeln. Literatur ist in China nicht so frei wie in westlichen Ländern. Zensur und Gedankenkontrolle sind mächtig verstärkt worden, was es den literarisch Schaffenden in China nicht leicht macht und Kritik am System fast komplett ausschließt. Im Science Fiction ist es noch möglich, die Kritik zu verpacken und ich denke, das ist ein wesentlicher Unterschied zum Science Fiction westlicher Länder. Etwas, das wir uns hier nur schwer vorstellen können. Vielleicht ist auch deswegen der Zugang zu chinesischer Science Fiction ein so schwieriger für viele Leser. Wir sind immerhin verwöhnt von Weltraumschlachten und davon, dass wir unsere Regierungen kritisieren können, wann immer uns beliebt. Dass chinesische Science Fiction hier das Mittel der Erzählung nutzt, um tatsächlich echte Kritik zu üben, hat natürlich nicht zwingend einen großen Unterhaltungswert für den westlichen Leser. Wie ich schon sagte, wir sind da alle sehr verwöhnt, was nicht unbedingt etwas schlechtes ist, aber doch einmal mehr zeigt, wie privilegiert und frei wir hier eigentlich leben. Sich dessen bewusst zu machen, dazu braucht es, so scheint es, Erzählungen wie diese.

Deswegen überrascht es auch nicht, dass der Protagonist der Geschichte am Ende zu seinem vorherigen Leben zurückkehrt ohne groß über das nachzudenken, was er erlebt und erfahren hat. Hier gibt es keinen unerwarteten Twist, keine atemberaubenden spannenden Szenen. Peking falten kritisiert ruhig und mit Bedacht, wie gesagt, nicht nur das System sondern auch alle Menschen, die es ermöglichen. Der Hugo-Award ist in meinen Augen absolut verdient.

Mit 60 Seiten liest sich die Erzählung sehr schnell. Das Vorwort erklärt so einiges, das wir als westliche Leser so vielleicht übersehen hätten und das mich – das muss ich ganz offen gestehen – den Text mit ganz anderen Augen lesen ließ. Absolut lesenswert und eine klare Leseempfehlung.

Hinweis: Die englische Übersetzung Folding Bejing kann kostenlos hier gelesen werden. Ich habe mir das Deutsche eBook für 1,99 geholt. Die Taschenbuchausgabe gibt es für 13 Euro beim Buchhändler Eurer Wahl. Ich werde mir diese wohl auch noch holen, wenn auch nur um dem deutschen Buchmarkt zu zeigen, dass es LeserInnen gibt, die an mehr chinesischer Science Fiction interessiert sind. Leider, leider zählen ja am Ende nur die Verkaufszahlen.

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