Das King-Projekt Rezension

The Stand: Das Letzte Gefecht – Stephen King

The Stand: Das Letzte Gefecht
Originaltitel: The Stand
Autor: Stephen King
1712 Seiten / eBook
EAN: 9783641153434
Verlag: Heyne

Worum geht’s?

In einem entvölkerten Amerika versucht eine Handvoll Überlebende die Zivilisation zu retten. Ihr Gegenspieler ist eine mythische Gestalt, die man den Dunklen Mann nennt, eine Verkörperung des absolut Bösen. In der Wüste Nevada kommt es zum Entscheidungskampf um das Schicksal der Menschheit.

Meinung

Was schreibt man über ein 1712 Seiten langes Buch? Besonders, wenn man es früher schon einmal in einer wesentlich kürzeren Ausgabe gelesen hat? Das letzte Gefecht ist Apokalypse und Post-Apokalypse in einem. Wir folgen den Anfängen der Supergrippe bis hin zur fast vollständigen Ausrottung des Menschen. King zeichnet dabei ein Szenario, das durchaus plausibel und logisch erscheint. Wenn es je eine Epidemie dieser Form geben wird in der Zukunft, dann auf diese Art und Weise. Die Seuchen der Vergangenheit erscheinen dagegen fast harmlos. 1712 Seiten ist schon ein Mammutprojekt. Wie gut, dass ich lange Bücher liebe. Wie gut, dass ich ausschweifenden Erzählstil liebe. Wie gut, dass ich Charakterbeschreibungen liebe. Wer mit einem dieser drei Dinge Probleme hat, dem wird Das letzte Gefecht eher nicht so gefallen. Und dabei bestätigt es einmal mehr meine Meinung, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist und sich jedem Anführer zuwendet, egal ob er gut oder schlecht ist. Hauptsache die Routine ist da, die Sicherheit ist da, die Bequemlichkeit ist da. Man mag meinen, dass ich keine hohe Meinung von der Spezies Mensch als solche habe, aber eigentlich stimmt das nicht. Ich finde sie faszinierend. Immerhin gehöre ich ihr ja an. Aber es gibt Dinge, die verwundern mich nicht mehr. Die Gründe, warum Menschen tun was sie tun, egal wie ethisch verwerflich es ist oder nicht.

Normalerweise sind 1712 Seiten auch für mich schnell gelesen. Theoretisch hätte ich es in einer Woche schaffen können. Aber wie bei so allen Dingen fehlte es mir arg an freier Zeit und es kamen auch immer mal ein Buch hier oder da dazwischen. Aber das ist ok. Wir sind hier nicht bei einem Wettbewerb. Freilich half es nicht, dass ich eine fette Nebenhöhlenentzündung hatte, als ich das Buch angefangen hatte. Wenn einem selbst die Nase läuft, dann sind besonders die Beschreibungen der Symptome der Supergrippe nicht sehr hilfreich. Dabei legt es Stephen King nicht auf puren Horror an. Ganz im Gegenteil. In meinen Augen ist das Buch ein wahres Meisterwerk über die Spezies Mensch, ihre Errungenschaften und ihre Fehlbarkeiten. Einfach faszinierend. Die große Menge an Figuren, denen man durch diese Geschichte folgt, ist dabei ein Querschnitt durch die typische menschliche Gesellschaft. Vom studierten Professor bis zum geistig zurückgebliebenen Mann-Kind ist alle dabei. Vom erfolgreichen Musiker bis zur Kellnerin aus dem Diner nebenan.

Dabei kommen wir allerdings zu einem Punkt, der mir beim diesmaligen Lesen aufgestoßen ist. Eigentlich sind es mehrere und alle haben etwas gemeinsam: die weiblichen Figuren!

Nehmen wir mal Franny Goldsmith. Schön ist es, ihr anfangs zu folgen. Ihren Hoffnungen und Träumen, den Streit mit ihrer Mutter, ihre innere Zerrissenheit über die ungeplante Schwangerschaft und ihren Freund, den sie nicht so liebte, dass sie ihn heiraten wollte. Schön war es auch, ihr zu folgen, als sie mit Harold unterwegs war. Ihre Zerrissenheit darüber, dass sie nichts von ihm wollte, sich aber für ihn verantwortlich fühlte. Verantwortlich bis zu dem Punkt, dass sie sich von ihm als Besitzobjekt ansehen lässt. Natürlich muss erst ein Mann daherkommen und das Ganze für Harold klarstellen, dass Franny eine Person mit Gefühlen ist und kein Ding, das man besitzen kann nach Lust und Laune. Wäre es nicht schön gewesen, wenn Franny hier die Gelegenheit gehabt hätte, das selbst zu regeln? Selbst für sich einzustehen? So als echter Mensch? Und wäre es nicht schön gewesen, wenn sie danach nicht die restliche Geschichte damit verbracht hätte, bei jeder Gelegenheit zu heulen?

Oder nehmen wir Nadine. Die ewige alte Jungfer, schon lange mit dem dunklen Mann verbandelt bevor es überhaupt eine Suppergrippe gab. Nadine, die auf ihren Liebsten wartete und sich für ihn aufhob. Nadine, die dem Leser, in diesem Fall dem weiblichen Leser, weiß machen will, dass es doch völlig ok ist, Sexspielzeug für einen unerfahrenen Typen zu sein, der sich mit ihr seine perversesten Phantasien erfüllen kann. Nadine, die dabei nicht weiß, wer sie eigentlich ist. Was sie will. Die sich dem dunklen Mann hingibt und in den Wahnsinn getrieben wird.

Dann wäre da Mutter Abagail. Eine 108jährige schwarze Frau, die in ihrem Leben viel gesehen hat und das Gute verkörpert. Sie ist in der Geschichte da Sprachrohr Gottes, wenn man es so audrücken möchte. Dabei könnte man hier natürlich wieder über Stereotype reden und über Klischees. Darüber, dass farbige Menschen näher bei Gott sein sollen, weil sie ja ‚Wilde‘ sind. Die farbige Frau kann hier auch nur die Rolle der Heiligen Gesandten übernehmen, der Prophetin. Mehr steht ihr nicht zu. Leider.

Aber auch wenn ich mir alle anderen weiblichen Figuren anschaue, dann sind sie entweder reduziert auf Gebärmaschine, beliebig austauschbare Randfiguren oder Jungfrauen. Die wahre, echte Charakterentwicklung erfahren hier nur die männlichen Figuren. Und DAS, genau DAS, finde ich schade. DA hätte soviel mehr Potential drin gesteckt. Und ja, wenn ich ehrlich bin, hat mich das als weiblicher Leser stark verkrätzt.

Ist Das letzte Gefecht deswegen ein schlechtes Buch? Nein, ganz und gar nicht. Aber genau wegen diesem Punkt reicht es nicht für 5 Sterne. Nicht einmal für vier, denn ich muss hier einfach mal das, was mir nicht gefallen hat, stark gegen das aufwiegen, das mir gefallen hat. Und da ersteres mich echt und ehrlich angepisst hat, muss das einfach in die Bewertung einfließen, auch wenn ich das Buch wahrscheinlich irgendwann nochmal lesen werde, denn…

…es ist spannend. Und ich habe einige Figuren ins Herz geschlossen. Franny nicht, die ging mir einfach auf den Wecker, aber Tom Cullen, Nick Andros, Glen Bateman….das waren schon tolle Figuren. Oder der Mülleimermann in seinem eigenen Wahnsinn. Selbst Lloyd Henreid ist mir in gewisser Weise vertraut geworden. Die spirituellen Ansätze an sich fand ich nicht so interessant wie die soziologischen. Glen Bateman war in dieser Hinsicht ein faszinierender Erzähler.

Um die Geschichte kurz zusammenzufassen: eine Supergrippe rafft den Großteil der Menschheit dahin. Die verbliebenen haben Träume und Visionen vom Dunklen Mann und Mutter Abagail. Die, die ersterem folgen, gehen nach Las Vegas. Die anderen nach Boulder, Colorado. Beide Gruppen bauen eine Gesellschaft auf und es wird klar, dass es auf einen großen Knall zwischen beiden hinauslaufen wird. Dazwischen gibt es viele Einzelschicksale und Emotionen, der große Knall war nicht so knallig wie ich es mir erhofft hatte, aber er war ok. Hauptsache, das Gute hat gesiegt.

Fazit

Ein lesenswertes, gutes Buch, das feministisch veranlagte Leserinnen und Leser an einigen Stellen frustrieren und ärgern wird. Wer puren Horror erwartet, ist hier leider falsch. Wer gern Postapokalyptische Geschichten liest, kommt voll auf seine Kosten. Wer es gern kurz und knackig mag, sollte auch lieber die Hände davon lassen.

Bewertung

 

4 Comments

  1. Huhu!
    Toll, dass du das Buch geschafft hast! Beim Lesen deiner Rezension fiel mir mal wieder auf, wie wenig ich scheinbar das feministische Fähnlein zu schwenken scheine. Ich gebe zu, ich achte in Büchern selten bis nie darauf, welche der Protagonisten eine große Entwicklung durchmachen – ob Männlein oder Weiblein ist mir relativ gleich.
    Aber ich stimme dir auf jeden Fall zu, dass die weiblichen Figuren hier allesamt nicht so recht umhauen. Vor allem. Von Mutter Abagail hätte ich mehr erwartet. Dafür war ich immer total auf Tom Cullen Seite, mit ihm hat King einen tollen Charakter geschaffen.

    M-O-N-D und so schreiben sich liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Huhu Gabriela,
      das Bewusstsein für die weiblichen Figuren und deren Repräsentation kam bei mir auch erst in den letzten Jahren. Davor war ich dem ganzen Thema gegenüber ein totaler Blindfisch und mir wars auch in vielerlei Hinsicht egal. Aber die letzten Jahre habe ich schon gemerkt, dass ich mehr darauf achte und da auch viel weniger Toleranz zeigen kann, wenn der Autor es eigentlich hätte besser machen können. Und bei The Stand wurde es mir einfach nur zu deutlich, weil irgendwie alle weiblichen Figuren stiefväterlich behandelt wurden.

      Tom fand ich auch super. Und Nick. Beiden hätte ich ein totales Happy End gewünscht.

      M-O-N-D und so buchstabiert man liebe Grüße zurück, meine Fresse, ja 🙂
      Grit

  2. Hallo 😀 es ist einfach unglaublich, welche Brocken King immer schreibt! Eine tolle Rezension, ich habe das Buch schön öfter gesehen, schrecke aber noch etwas von King ab… vielleicht überfällt mich die Lust aber bald wieder!

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