Das King-Projekt Rezension

Amok – Richard Bachman

„Amok“
Originaltitel: Rage
Autor: Richard Bachman
220 Seiten / Taschenbuch
ISBN: 3453025547
Verlag: Heyne

Worum geht’s?

Eine High School in Maine: Nach einem Gespräch mit dem Rektor erschießt der Schüler Charles Decker seine Lehrerin und nimmt seine Mitschüler als Geiseln. Sein Amoklauf löst in der Klasse ein unheimliches Psychospiel aus, das unbewußte Konflikte und Traumata mobilisiert. Die Schüler steigern sich in eine unkontrollierte Wut…

Meinung

Amok ist ein krasses Buch. Die Meinungen darüber gehen extrem auseinander. Für mich jedoch ist es ein verrücktes Gedankenspiel, denn Amok schrieb Bachman/King lange bevor Amokläufe an Schulen tatsächlich Realität wurden. Hier war er in der Tat seiner Zeit weit voraus und King ließ es sogar vom Markt nehmen, weil er befürchtete, das Buch könnte Auswirkungen auf die labile Psyche von potentiellen Amokläufern haben und sie zu Greueltaten inspirieren.

Das Buch selbst erzählt die Geschichte von Charlie Decker durch ihn selbst. Die Ich-Perspektive macht das Ganze  noch etwas beklemmender.

Charlie weiß, dass er durchdreht. Er ist sich dessen vollkommen bewusst, aber kontrollieren kann er es nicht. Sicherlich sind die Tatsachen, dass er bereits in der Vergangenheit einen Lehrer mit einem Schraubenschlüsel attackiert hat, und im Laufe der Handlung des Romans noch zwei Lehrer erschießt, erschreckend. Die eigentliche Grausamkeit liegt jedoch in den sich entwickelnden Psychospielchen im Klassenzimmer, in denen die Geiseln mit Ausnahme von Ted alle eine gewisse Mitstreiterrolle einnehmen. Die Angst, erschossen zu werden, ist nicht vorrangig vorhanden. Ganz im Gegenteil, viele sind schnell sehr entspannt und neugierig, was auf sie zukommt. Dass Mitschüler Ted für Charlie alles verkörpert, was er hasst, macht Ted zu seinem vorrangigen Feindbild und es dauert nicht lang, bis sich alle anderen neben Charlie und gegen Ted stellen.

Dabei sind es diese Psychospielchen, die den Leser nicht nur fesseln, sondern auch zum Denken anregen. Nach den emotionalen Geständnissen einiger Mitschüler gelangt man schnell zu der Überzeugung, dass jeder von ihnen irgendwann hätte überschnappen können. Der Hass auf die Eltern. Der Hass auf die Lehrer und auf einige Mitschüler. Geschürt von Mobbing, von Hormonen, von Unsicherheiten und Ängsten, und von Gerüchten.

Charlie wird vom Täter zur Sympathiefigur. Das Stockholm-Syndrom lässt grüßen. Und ja, es erwischt nicht nur seine Geiseln, sondern auch den Leser. Ich kann nicht anders, als Mitgefühl für diesen Jungen zu empfinden, der zwei Menschen kaltblütig erschossen hat. Dabei kann Charlie nicht auf Gewalt im Elternhaus zurückblicken. Er war sein sanftes Kind. Vergöttert von seiner Mutter, unbeachtet von seinem Vater, der ihn als reine Enttäuschung ansah. Klassisches Rollendenken ließ sich nicht in Charlie reinzwängen. Er ist still und intelligent, wird immer mitgezogen von seinem besten Freund Joe, dessen offene und ungezwungene Art er stets bewundert. Doch tief in diesem Teenager steckt eine unbändig Wut. Eine Wut, die, so glaube ich, jeder Mensch in gewisser Weise nachvollziehen kann. Wut auf die Unehrlichkeit und Heuchelei des eigenen Umfelds. Wut auf Mitschüler dafür, dass sie alle sich irgendwie in dieses Schema reinquetschen, statt zusammenzuhalten. Wut darauf, dass Jugend nur ein Imitation des Erwachsenenseins zu sein scheint. Hier ganz besonders von Teds Seite her. Ted, der sich schämt für seine Mutter. Ted, der von allen Erwachsenen geliebt wird. Von seinen Mitschülern verehrt wird.

Es sind viele Gefühle, die King hier durch Charlies Gedanken und die Geiseln offenbart. Gesagte Dinge, die ein Kind und den späteren Erwachsenen mehr prägen, als man meinen möchte. Situationen, in denen man sich als Leser fragt, warum sich die anderen hier nicht anders verhalten haben.

Bachman/King offenbart hier sein unglaubliches Talent, seinen Figuren Leben einzuhauchen. Nicht nur der Hauptfigur. Allen Figuren, egal wie weit am Rande der Handlung sie sich befinden mögen. Und als Leser berührt er mich damit. Er ruft in mir einerseits Abscheu hervor und Mitgefühl, danach Abscheu darüber, dass ich überhaupt Mitgefühl für diesen Jungen empfinden kann.

Wie immer sind die Dinge halt nicht schwarz und weiß. Wie kaputt Charlie ist, erfahren wir erst am Ende des Buches. Aber mit ihm hat er auch Ted kaputt gemacht. Seine Klassenkameraden scheinen gewachsen aus dieser Situation hervorgegangen zu sein. Durch die Radioberichte noch während der Geiselnahme bekamen sie mit, wie unecht und falsch Berichterstattung in den Medien sein kann, und man fragt sich als Leser, was von dem, das man selbst gehört und gelesen hat, als die Anschläge in Littleton passierten, oder die in Erfurt. Man denkt darüber nach. Man fängt an zu hinterfragen. Und damit hat Bachman/King etwas bewirkt. Man wird sich bewusst, dass „Ich habe in der Kindheit auch XYZ erlebt und bin nicht zum Amokläufer geworden“ eine halbscharige Aussage ist, weil man ja auch nicht sagen würde „Ich hab auch die Grippe gehabt und bin nicht gestorben“, als ob es hier um Wettbewerbe ginge: Wie verkorkst oder krank kann man sein, ohne jemals auszuticken oder zu sterben? Es gibt keinen ersten Preis dafür. Allerdings kann man lernen, einen Schritt zurückzutreten und anzuerkennen, dass Erfahrungen so individuell sind wie die Menschen, die diese Erfahrungen machen. So individuell wie die Verarbeitungsmechanismen, dieser Menschen. So individuell wie die genetische Prädisposition.

Fazit

Lange Rede, gar kein Sinn: Amok ist ein spannendes Buch. Nicht die Art spannend, die man während einer Vampirgeschichte oder Zombiegeschichte kennt, sondern die Art spannend, die den Leser zwingt, umzublättern um zu schauen, was denn nun eigentlich passieren wird. Die Geschichte wird mit viel Feingefühl erzählt, das sich abwechselt mit Aggression und derber Wortwahl. Es erinnert ein bisschen an den Breakfast Club, als die Schüler feststellen, wieviel sie doch gemeinsam haben und dass sie alle ihre Sorgen, Ängste und Probleme mit sich rumschleppen, die sie viel zu wenig thematisieren. Nur, dass dieser Breakfast Club hier etwas blutiger und brutaler ist.

Bewertung

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