Das King-Projekt Rezension

Atlantis – Stephen King

„Atlantis“
Originaltitel: Hearts in Atlantis
Autor: Stephen King
797 Seiten / Taschenbuch
ISBN: 3453435710
Verlag: Heyne Taschenbuch

Worum geht’s?

Eine verlorene Generation zwischen Verrat, Krieg und Schrecken
Die mysteriösen Männer, die an Bobby Garfields elftem Geburtstag in seiner Heimatstadt auftauchen, sind gemeingefährlich. Das Grauen, das mit ihnen Einzug in Bobbys Welt hält, zwingt ihn dazu, sich von den Gewissheiten der Kindheit zu verabschieden – und das ist erst der Anfang.

Meinung

Was für ein Buch. Mir bis dato völlig unbekannt und der Klappentext erwähnt mysteriöse Männer. Auch wenn der Roman kleine übernatürliche Elemente enthält, ist er doch so ganz anders als ich erwartet hatte. Offenbar ist sich auch niemand so wirklich einig, ob Atlantis nun ein eigenständiger Roman ist oder eine Novellensammlung. Fakt ist, dass zwischen den Buchdeckeln die folgenden fünf Novellen gesammelt sind, die aufeinander Bezug nehmen.

  • Niedere Männer in gelben Mänteln (engl. Low Men in Yellow Coats)
  • Herzen in Atlantis (engl.: Hearts in Atlantis)
  • Blind Willie (engl.: Blind Willie)
  • Warum wir in Vietnam sind (engl. Why we’re in Vietnam)
  • Heavenly Shades of Night Are Falling

Die erste ist dabei definitiv die längste mit mehr als 300 Seiten.

Ich möchte zu den Novellen gar nicht zuviel verraten, auch wenn das eigentlich verlockend ist. Das Buch lebt davon, dass der Leser nicht so wirklich weiß, worauf er sich einlässt. Mit gewohntem Stephen King-Horror hat das Buch so gar nichts zu tun.

Ganz im Gegenteil. Wir folgen einer Generation, die Stephen King schon sehr oft in den Mittelpunkt gestellt hat. Seine eigene Generation, die der Baby Boomers. Und während wir in seinen anderen Romanen das vielleicht nur am Rande erleben, so ist es doch in Atlantis eine direkte Abrechnung, die mit einem Peter Fonda Zitat beginnt: „we blew it.“ Aber neben der Abrechnung ist es auch eine Art Aussöhnung mit allen Unwegsamkeiten des Lebens. Ja, die Baby Boomers waren die Generation, die alles hatte, alle Chancen, und doch nichts änderte. Die Generation, die hätte Verantwortung übernehmen können und es nicht tat. Aber dabei sind die Baby Boomers auch jene erste Generation, die eine Collegeausbildung nicht nur als Privileg erachteten sondern auch als Recht. Sie verbrannten BHs. Sie lebten die freie Liebe. Sie kämpften im und gegen den Vietnamkrieg.

Wie jede Generation kämpften sie sich durch das Leben. Und man mag ihnen vielleicht vorwerfen können, dass sie am Ende alle wohlbehalten in den Vorstädten ankamen, in denen ein Haus dem anderen gleicht und im Durchschnitt 2,3 Kinder und einen Hund vorhanden waren. Dass ihre Jobs gutes Geld einbringen. Aber seien wir ehrlich, welche Generation tut das nicht? Erwachsen werden heißt nicht zwingend, spießig zu werden, aber es heißt, dass sich der Blick aufs Leben und die Gesellschaft ändert. Und mancher in der Jugend leidenschaftlich geführter Kampf, entlockt einem 30 Jahre später nur ein mildes Lächeln.

In dieser Hinsicht ist Atlantis ein geniales Werk, welches die Kindheit und ihr Ende, das Erwachsenwerden, das selten geradlinig verlaufende Leben so gut zeigt, wie es wenige Autoren können. Dabei sind die Novellen mal subtiler, mal offensichtlicher miteinander verknüpft und die Figuren, denen wir folgen erscheinen über drei Ecken durch Bekanntschaften mit Figuren aus der Vergangenheit.

Fazit

Atlantis ist ein völlig anderer Stephen King-Roman. Unheimlich erwachsen und menschlich. Freudig und melancholisch. Verlust und Trauer wechseln sich mit Gelegenheit und Wachstum ab. Und in der letzten Novelle schließt sich der Kreis und wir sehen die Figuren endlich ankommen. Nicht bei einem Ziel, das sie von Anfang an verfolgt hatten, sondern bei sich selbst. King schreibt Menschen. Und wenn ich ehrlich bin, kann genau das keiner so gut wie er. Klare Leseempfehlung mein persönliches King-Highlight bisher.

Bewertung

4 Comments

  1. Sehr interessant! „Atlantis“ hatte ich bisher auch gar nicht auf dem Schirm. Finde ich gut, dass es mal ein etwas anderer King ist. 🙂

  2. Heyo 😊
    Ich muss gestehen, dass ich Atlantis bisher auch nicht auf dem Schirm hatte. Allerdings spricht mich bereits der Titel der ersten Erzählung sehr an, denke ich doch bei den niederen Männern automatisch an den geliebten dunklen Turm und den Scharlachroten König. Behalt ich definitiv im Hinterkopf!

    Liebe Grüße 🙂
    Gabriela

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