Rezension

Verlorene Paradiese – Ursula K. LeGuin

„Verlorene Paradiese“
Originaltitel: Paradises Lost
Erstmals erschienen: 2002
Autorin: Ursula K. Le Guin
140 Seiten / Taschenbuch
ISBN: 3864021618
Verlag: Atlantis

Worum geht’s?

Die ganze Welt in einer Seifenblase.
Ein Generationenraumschiff ist auf seinem Weg ins Unbekannte. Die Hoffnung der Menschheit ruht auf den Schultern der Reisenden. Doch der Weg durchs Weltall steckt voller Gefahren und Überraschungen – innerhalb wie außerhalb der Schiffshülle.
Ursula K. Le Guin zeigt sich in ihrem Spätwerk als gewohnt souveräne Erzählerin und großartige Stilistin. Ein Meisterwerk voller Dramatik und Schönheit – ein Buch zum Träumen von der Zukunft.

Meinung

Verlorene Paradiese ist ein Werk, das ich bis dato noch nicht gelesen hatte. Es ist eine Novella mit nur 140 Seiten aber diese haben es wie immer in sich. Le Guin beleuchtet das Leben der Menschen auf einem Generationenschiff allgemein und im Besonderen das Leben der Menschen, die beim Abflug noch nicht geboren waren und bei der Ankunft alte Leute und vielleicht sogar schon tot sein werden.

Interessant ist dabei die Gesellschaft, die hier entstanden ist: ein in sich geschlossenes, autarkes System mit einem fragilen Gleichgewicht, das streng kontrolliert und zwanghaft aufrecht erhalten wird. Wir folgen Hsing und Luis, beide zu Beginn der Geschichte 7 Jahre alt. Sie sind Kinder der 5. Generation und dies spiegelt sich in ihren Namen wieder: 5-Hsing und 5-Luis. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr laufen alle Kinder nackt herum. In einer großen Zeremonie erhalten sie in diesem Alter ihre erste Kleidung. Beide sind sehr faszinierende Figuren und der Leser folgt ihnen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Hsing ist Pragmatikerin und gut in Mathematik. Luis ist schon von klein auf sehr philosophisch veranlagt. Er stellt sich Fragen, an die die meisten keine Gedanken verschwenden. Und diese Fragen diskutiert er mit seiner Freundin Hsing immer wieder. Verlorene Paradiese ist kein Weltraumabenteuer. Action und Aliens gibt es nicht mal ansatzweise. Le Guin erzählt in einem ruhigen Ton und berichtet vom Leben auf diesem Schiff. Von den Problemen der ersten Generationen, die sich im Laufe der Zeit entwickelten bis hin zu religiösen Fragen. Viele Dinge haben für die Zwischengenerationen keine Bedeutung. Sie lernen zwar viel, aber der echte Bezug dazu fehlt, weil sie alles nur aus der Geschichte kennen.

Im Laufe der Geschichte und dem Erwachsenwerden der beiden wird schnell deutlich, dass es Konflikte gibt. Machtstrukturen, die sich entwickeln und religiöser Fanatismus, der das sensible Gleichgewicht bedroht.

Le Guins Gedankenspielereien erscheinen plausibel. An Bord der Discovery, so heißt das Generationenschiff, entwickeln sich religiöse Tendenzen. Die Menschen auf dem Schiff führen das perfekte Leben im Paradies. Es gibt Nahrung im Überfluss. Es gibt keine echten Krankheiten mehr. Jeder ist frei, zu lernen was er möchte. Die entstehende Religion versteht unter ihrer Reise nicht mehr den Auftrag, eine neue Welt zu kolonisieren, sondern interpretiert diese Reise als Weg zu perfektem Glück. Dabei übt Le Guins Kritik nicht an der Religion selbst, sondern an der Tendenz der Religionen die Realität ihrem Verständnis des Lebens anzupassen und wissenschaftliche Fakten zu ignorieren. Dass dabei die Ausbildungspläne der Schule auf dem Schiff bereits kontrolliert werden, um das vermittelte Wissen der eigenen falsch-verstandenen Realität anzupassen, ist leider viel zu nah am wahren Leben. Erschreckender dabei ist, dass keine Götter angebetet werden. Keine Rituale vollführt werden. Die Religion auf dem Generationenschiff besteht in purer Glückseeligkeit, die alle Menschen erfahren sollen. Es hat etwas beruhigendes, dass diese Religion so friedlich ist. Aber es ist auch erschreckend, wie fanatisch und realitätsfremd sie daherkommt.

Der Konflikt spitzt sich bald zu und auch hier findet Le Guin Lösung im Kompromiss, der für beide Seiten zufriedenstellend ist. Für mich als Leser hätte ich hier so gern soviel mehr davon gelesen. Es war eine ganz ungewöhnliche Atmosphäre, die beim lesen vermittelt wurde.

Fazit

Verlorene Paradiese ist ein intelligentes Schmankerl, das man aufgrund der übersichtlichen Seitenzahl schnell lesen kann, aber es wirkt nach. Le Guin schafft es erneut, den Leser zu fesseln und auch nach der Lektüre gedanklich immer wieder auf die Discovery zu wandern, um sie mit dem wahren Leben zu vergleichen und Dinge zu hinterfragen.

Bewertung

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