Dies & Das

Meine Mutter & Ich

Mir ist die letzten zwei Jahre aufgefallen, dass viele Leute merkwürdig schauen, wenn man als Enddreißigerin mit seiner Mutter zusammenwohnt. Auch hier hatte ich schon die eine oder andere Email, warum ich denn von meiner Mutter rede. Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Wir sind kein typisches Hotel Mama. Ganz im Gegenteil. Meine Schwester, die etwas älter ist als ich, ist verwitwet. Ich selbst war bis vor 2 Jahren glücklicher Single, nachdem ich die meiste Zeit meines Erwachsenenlebens in Beziehungen verbrachte. Ich wohnte in einer schönen Zwei-Zimmer-Wohnung unterm Dach, meine Hundedame und ich. Muttern ist jetzt 77 Jahre alt. Vor ein paar Jahren lag sie aufgrund einer Lungenembolie eine Zeit lang im künstlichen Koma, aus dem sie mit einem schlechten Kurzzeitgedächtnis aufgewacht ist. Nun bin ich mit 18 daheim ausgezogen ins 450km entfernte München. Auch meine Schwester hat es ein paar Jahre danach hierher verschlagen. Meine Nichte ebenfalls. Unser Vater ist 1999 plötzlich verstorben, seitdem war meine Mutter allein.

450km mal eben heimzufahren um sich um Muttern zu kümmern, wenn was ist, ist nicht ganz so einfach. Die Weihnachtszeit verbrachte Muttern immer in München. Entweder bei mir oder bei meiner Schwester und ihrem Mann. 2014 fiel dann die Entscheidung, dass die Distanz zu groß ist und sie nach München kommen möchte. Wir hatten Glück, eine Wohnung in meiner Nachbarschaft vom gleichen Vermieter zu bekommen. 4 Zimmer. Hochparterre (yay keine 4 Etagen mehr latschen müssen. Zu einem vernünftigen Mietpreis. In München ist das wie ein 6er im Lotto plus Zusatzzahl). Meine Schwester, mittlerweile verwitwet, zog ebenfalls mit ein. So sind wir eine vielleicht etwas ungewöhnliche 3er-WG + Hund. Bei uns ist eigentlich immer was los. Wir teilen uns in alles rein. In alle Kosten und meistens auch in alle Arbeiten. Und ja, ich bringe meine Mutter zur Buchmesse mit. Einfach, damit sie mal rauskommt und weil sie so gern mitkommen möchte. Sie mag körperlich nicht mehr allzu fit sein. Ihr Kurzzeitgedächtnis mag ziemlich im Eimer sein. Aber sie liest noch immer mit Begeisterung einen Roman nach dem anderen und ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn wir zusammen nach Leipzig fahren und die Buchmesse besuchen.

Ja, ich bin (noch) 38 und wohne mit meiner Mutter und mit meiner Schwester zusammen. Das ist nichts, das man komisch finden muss. Es ist halt einfach so. Klar endetet meine Singlezeit nach dem Umzug, weil ich (unverhofft kommt oft) einen tollen Mann kennenlernte, der übrigens kein Problem mit unserer Chaos-WG hat und es klasse findet. Ist ja immer so, dass sich Dinge ändern, wenn man nicht damit rechnet. Aber hey, that’s life.

Jeder steht anders zu seinen Eltern. Niemand muss das toll finden oder komisch. Wir sind erwachsene Menschen (die meiste Zeit jedenfalls), die pragmatisch denken und handeln. Unserer Mutter treibt uns genauso oft in den Wahnsinn wie wir sie. Trotzdem raufen wir uns jeden Tag zusammen und machen das beste draus. Wir wissen nicht was morgen ist, aber warum sollte man sich über sowas auch den Kopf zerbrechen? Unser Leben hat nicht aufgehört, nur weil wir jetzt mit unserer Mutter zusammenwohnen. Unsere Mutter hat sich ihren Lebensabend sicherlich auch anders vorgestellt. Aber so ist es nunmal. Und wir leben mit ihr und sie mit uns. Mit allen Eigenheiten, die jeder Mensch hat und allen Spleens und allen Schrulligkeiten.

Aber wir sind auch diejenigen, die an Heiligabend Mamma Mia schauen, Cocktails schlürfen und lauthals die Nachbarschaft mit unseren mehr oder weniger guten Mitgesängen quälen unterhalten. Ich mag unsere WG auch wenns mal Zoff gibt. Oder Muttern vergisst, ihren Tee zu trinken und dabei noch vergesslicher ist als sonst. Ich mags auch, wenn wir zusammen hocken und ratschen, im Sommer draußen grillen, verrückte Geschichten erzählen oder einfach nur schweigend jeder ein Buch lesen. Wir mögen nicht so sein wie andere, aber wer ist schon wie die anderen. Jeder Mensch ist anders und das ist gut so. So soll es auch sein. Also ja, wenn jemand meint, das komisch zu finden, von mir aus. Das Leben geht verrückte Wege und man weiß nie, wo man in 10 Jahren landet. Wir sind halt jetzt an diesem Punkt und in 10 Jahren sind wir wahrscheinlich wieder woanders.

9 Comments

  1. Ich finde eure WG überhaupt nicht komisch. Im Gegenteil, ich finde sie sogar ziemlich genial und auch praktisch.
    Ich kann mir vorstellen wie anstrengend das sein kann und ich selber würde die Krise kriegen, würde ich mit meiner Mutter und meiner Schwester auf so „engem“ Raum zusammen leben, obwohl ich die beiden sehr liebe. 😀

  2. Wenn man mal bedenkt, früher war das total normal, das mehrere Generationen in einem Haus zusammenwohnten….

    Ich habe nach dem Tod meines Vaters mit meiner Mum auch eine WG gebildet. Zumindest haben wir es eine Zeit lang versucht. Es hat nur mäßig geklappt, weil wir uns einfach zu ähnlich waren, aber wir wollten erst mal nicht auseinandergehen, weil wir immer einen starken Familienzusammenhalt hatten. Ich bin dann irgendwann mit meinem jetzigen Mann zusammengezogen, aber der Zusammenhalt blieb. Am liebsten wäre uns auch gewesen, wir hätten ein adäquates Haus kaufen können, wo wir alle, auch noch mein Bruder, drin hätten wohnen können. Das wäre der große Traum gewesen…

    ich finde das also jetzt nicht sooo komisch oder außergewöhnlich, ich finds eher schön! Und ich kann mich noch allzugut an ganz bestimmte Mama-Tochter-Momente/Abende erinnern, die einfach unbezahlbar waren. Und da waren wir auch schon mal gänzlich unerwachsen 😉

    Liebste Grüße, auch an Mama, Schwester und Nichte (unbekannter Weis) und habts noch sooo schön!

    Bine

    1. Liebe Bine,
      danke für Deine lieben Worte. Ich denke, jeder Mensch ist da verschieden. Bei uns kommt noch dazu, dass es vorrangig pragmatische Gründe waren, diese Entscheidung zu treffen. Wir waren die letzten Jahre davor immer regelmäßig kurzfristig oben, weil irgendwas war. Da stellte sich irgendwann die Frage, was denn werden soll, wenn Muttern mal nicht mehr kann.
      Meine Schwester und meine Mutter haben das Problem, dass sie sich zu ähnlich sind. Da gibt es öfters Reibungspunkte. Ich schlage eher nach meinem Vater und stehe da immer auf anderer Position, bin öfters mal der Vermittler zwischen den Fronten, wenns zu heftig ist. Aber ich denke, auch menschlich kann man an so einer Erfahrung wachsen. Wenn man in der Familie noch nichtmal zoffen kann um sich danach zu vertragen, wo kann man es denn dann? xD
      Grüße geb ich gern weiter.
      LG
      Grit

  3. Ich habe das schon mal woanders bei dir kommentiert. Ich finde überhaupt nichts Komisches dabei mit Familienmitgliedern zusammenzuwohnen, wenn man sich grundsätzlich versteht. Mit meiner Mutter wäre das nicht gegangen. Und es tut den älteren Menschen gut, mit jüngeren zusammen zu sein. Dann behalten sie den Anschluss an das „wirkliche“ Leben. Als ich noch nicht in Dänemark wohnte, bin ich jeden Monat einmal mit meiner Mutter gross ausgegangen, das war unser „Mädchentag“. Und wir haben uns nicht einmal sehr gut verstanden …

    Für deine Schwester war das sicherlich sehr angenehm nach dem Verlust ihres Mannes, dass sie nicht alleine war. (Könnte ich mir vorstellen.)

    In Amerika wird es in die andere Richtung mehr und mehr Gang und Gebe, dass die Kinder wieder zu den Eltern ziehen, z.B. wenn sie geschieden werden oder ihren Job verlieren. Man nennt sie „Boomerangs“. Gut, wenn sie das dann können, sonst landen sie auf der Strasse. Aber wenn man dann mal das Wort „soziales Netz“ äussert, dann schreien sie gleich „Booooo, communist!“

        1. die Nächstenliebe ist bei uns ganz ohne christlich da xD Wir sind ein Haufen überzeugter Atheisten. Ich könnte mich höchstens noch zum Agnostizismus hinreißen lassen, aber das wars dann schon.

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