Das King-Projekt Rezension

Sprengstoff – Richard Bachman

Da „Der Fluch“ und „Menschenjagd“ zusammen mit dem dritten Buch „Sprengstoff“ in einem dicken Wälzer ihren Weg zu mir fanden, war es für mein ordnungsliebendes Gehirn nur logisch, dass ich das dicke Buch erst durchlese, bevor ich mich dem ’nächsten‘ widme. Also ging es gleich nahtlos weiter.

Worum geht’s?

Bart Dawes, der Geschäftsführer einer Wäschereifiliale in einer amerikanischen Grossstadt, ist ein Gescheiterter, der ohne Hoffnung auf sein verpfuschtes Leben zurückblickt, eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit. In Alpträumen und verrückten Ausbrüchen bahnt sich sein Destruktionstrieb einen Weg nach aussen, der unweigerlich in die Selbstzerstörung führen muss. Als seine Wäscherei und sein Wohnhaus dem Ausbau eines Highway weichen müssen, dreht Dawes durch. Er legt Bomben, um den Baubeginn hinauszuzögern. Mit Waffen und Sprengstoff reichlich versorgt, setzt er sich gegen die Räumung seines Hauses zur Wehr und eröffnet das Feuer auf die Polizei ….

Meinung

Stephen King hat wohl mal behauptet, dass „Sprengstoff“ nicht zu seinen guten Büchern gehören würde. Dem kann ich so nicht ganz zustimmen. Für mich war die Geschichte extrem fesselnd und an Stellen von so einer Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit durchzogen, dass es mir fast das Herz brach. Dabei nimmt King Bachman den Leser mit auf eine Reise in die Psyche eines Mannes, der nach einem traumatischen Erlebnis (der Tod seines Sohnes Charlie) auf einen Abgrund zusteuert, dem er, und das weiß man relativ schnell, nicht ausweichen kann. Man steht hilflos neben Dawes, der mit der Irrationalität seines Handelns und der Extreme seiner Gedanken in manchen Momenten einfach nur beängstigend ist. Man reiht sich ein in die Riege seiner Mitmenschen, die genauso hilflos und ratlos daneben stehen. Die nicht zu ihm durchdringen können und irgendwann aus reinem Selbstschutz den Rückzug antreten. Wer mit psychisch kranken Menschen im engeren Umfeld mal zu tun hatte, weiß, welcher Spagat das ist und welche Auswirkungen es auf einen selbst hat. Dabei kann man es besonders Dawes‘ Frau Mary nicht vorwerfen, dass sie irgendwann geht. Wenn man dabei noch die Zeit betrachtet, in der das Buch handelt (1973), als die Rolle der Frau sich zwar gerade im Umbruch befand aber dieser Umbruch gerade für verheiratete Frauen Ende 30 nicht so leicht war, dann bekommt alles eine stärkere Bedeutung. Sicherlich stellt Dawes dabei seine Frau als jemanden hin, der unecht und unehrlich nur so dahin driftet. Aber seine Sicht auf die Dinge ist extrem verzerrt und Mary sagt in einem Gespräch auch etwas, das besonders mich als Frau angesprochen hat, nämlich dass sie damals, als sie schwanger wurde, sich für die Vernunft entschieden hatte und dabei sich selbst zurückgestellt hat Das ist etwas, das mich an King fasziniert. Er schreibt Figuren, die einfach echt sind, auch wenn man ihre Handlungen teilweise kopfschüttelnd beobachtet und nicht nachvollziehen kann. Trotzdem wirken seine Figuren wie echte Menschen und das bringt seinen Büchern meiner Meinung nach immer ein gewisses Gewicht bei. Dawes‘ Abstieg ist endgültig. Man weiß, dass es kein Happy End geben wird und auch nicht geben kann. Die Menschen um ihn herum dringen nicht zu ihm durch und auf mich wirkt er wie jemand, der schon lange den Entschluss gefasst hat, dass es aus ist. Der Verlust seiner Arbeit (selbst verantwortet im übrigen) und der bevorstehende Abriss seines Hauses sind nur weitere Katalysatoren. Ich denke, die Entscheidung ist schon gefallen, als Charlie starb und Dawes und Mary unterschiedliche Wege gingen, um mit diesem Verlust fertig zu werden. Nicht über ihren Sohn zu reden hatten aber beide gemein. Das Ganze kombiniert damit, dass er 40 ist, die besten Jahre seines Lebens hinter sich hat (meint er), die Welt sich um ihn in einem Tempo weiterbewegt, mit dem er nicht mehr Schritt halten kann und die natürliche Angst des Menschen vor Veränderung, sind nur weitere Tropfen ins Fass, das eh schon kurz vorm Überlaufen ist.

Fazit

Ein starkes Buch, das den Leser mitnimmt und trotzdem nur beobachten lässt. Das es dem Leser ermöglicht, emotional investiert zu sein oder auch nur kopfschüttelnd daneben zu stehen. Dass King meint, es sei nicht sein bestes Werk, schön und gut. Ich persönlich fand es gut. Hätte ich es als Teenager gelesen, hätte es mir wahrscheinlich nicht gefallen. Aber jetzt, da ich selbst in Dawes‘ Alter bin und das Leben mir genau wie ihm bestimmte Steine in den Weg geworfen hat, sehe ich das Buch wohl mit anderen Augen als ich es früher hätte sehen können.

Bewertung

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